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BÄUERLICHE ARCHITEKTUR IN TIROL


REGION TIROL MITTE:
Vor, mitten und nach der Landeshauptstadt

Von einer ausgeprägten und stilistisch einheitlich bäuerlichen Baukultur in dieser Tiroler Region zu sprechen ist schwierig, eigentlich unmöglich. Hier prallen – im positiven Sinne des Wortes – Ober-und Unterinntaler Mentalitäten aufeinander, gepaart mit der Zentrale der Landeshauptstadt Innsbruck. Man muss es einfach pragmatisch angehen: westlich von Innsbruck dominieren Gemeinden, die z.T. Vororte sind, z.T. ihren eigenen dörflichen Charakter bewahrt haben. In der bäuerlichen Baukultur sind es zumeist Paarhöfe, also getrennte Wohn- und Wirtschaftsteile, die eigentlich Reste, aber durchaus lebendige Reste, ehemaliger Dorfstrukturen darstellen. Sie sind wahrlich lebendige und gut genützte Keimzellen ehemaliger Lebensweisen. Hier dominiert bei den Wohnhäusern der Mauerbau, die Wirtschaftsgebäude sind im Mauerbau und Holzbauweise errichtet. Besonders erwähnenswert sind vor allem in der Umgebung von Telfs die offenen Bundwerkgiebel – übrigens auch in der Gegend um Thaur zu sehen. Das offene Bundwerk, also ein offener Dachboden der einst zum Nachreifen des Getreides diente bzw. zum Wäscheaufhängen, ist ein Kunsthandwerk des Zimmermannsbaus. Viele kleine, aber trotzdem aufwändig gestaltete Details, laden zum Schauen und Bewundern ein. (Kaum) ein Handwerker hat sich hier mit seinen Initialen verewigt – ganz einfach deshalb, weil man dieses Handwerk als Volkskunst angesehen hat. Keineswegs hat man diese offenen Bundwerkgiebel einst für das Aufhängen der Maiskolben vorgesehen; auch wenn heute diese den offenen Giebelbereich schmücken. Der Mais wurde erst „langsam“ im 18./19. Jahrhundert in Tirol quasi akzeptiert – lange nach dem Bau der Bundwerkgiebel.

Im Wipptal, dem Tal das von Innsbruck zum Brenner führt, gab es die traditionellen Wipptaler Einhöfe. Diese waren aufgrund der steilen Hanglage mit der Traufseite zum Tal errichtet und beherbergten Wohn- und Wirtschaftsteil unter einem Dach. Im Mittelgebirge, vor allem in Götzens, Axams bzw. Mutters dominierten bei den bäuerlichen Hofanlagen die sogenannten Mittertennhöfe: Wohn- und Wirtschaftsteil unter einem Dach, mit einer in der Mitte gelegenen Durchfahrt in den Stadelbereich. Auch in Thaur und Umgebung war und ist diese Hofanlage vorherrschend. Diese „Durchfahrt“ war Zentrum – nicht nur für die Wirtschaft, sprich z.B. das Einbringen des Heus. Hier traf man sich u.a. auch für gesellschaftliche Ereignisse, es war Tanzboden, Aufführungsort für Theater und vielfältige Bräuche. Heute sind diese Mittertennhöfe oftmals umgestaltet: wegen Geruchsbelästigung hat man so etwa zwischen Stall und Wohnteil eine Mauer eingezogen. Wenn man es auch nicht glauben mag, selbst in der Stadt Innsbruck, vor allem in den Stadtteilen Mühlau, Arzl und Amras gibt es noch bäuerliche Anwesen, die in ihrer Architektur auf traditionelle Bauweisen beruhen.

 

VOLKSKULTUREN IM TIROLER OBERLAND UND AUSSERFERN:
Stur und emsig

Die traditionelle Haus- und Hoflandschaft im Tiroler Oberland ist geprägt von kleineren Hofanlagen, wesentlich zusammengesetzt in Haufendörfern. Die sogenannten Paarhöfe, bestehend aus einem Wohn- und einem Wirtschaftsteil sind baulich voneinander getrennt. Bei den Wohnhäusern dominiert der Mauerbau, bei den Wirtschaftsgebäuden ist zumeist nur der Stall aus Mauern errichtet. Im Gegensatz zum Tiroler Unterinntal sind diese Hofanlagen relativ klein – Großgrundbesitzer hat es in dieser Region kaum gegeben. Dies hat wesentlich mit dem einstigen Erbrecht zu tun. Hier herrschte die Realteilung vor, d.h. das gesamte Erbe – Hofanlage und Acker- bzw. Forstflächen – wurden gleichmäßig auf alle Erben aufgeteilt. Dies kam einer augenscheinlichen Güterzersplitterung gleich. Nicht selten mußten sich mehrere Familien unter einem (Wohn)Dach zurechtfinden. Charakteristisch hierfür sind in der Bauweise verschiedene Ebenen, Zu- und Umbauten.

Ein spannungsgeladenes Ambiente, nicht nur für Bauforscher und Architekten, sondern auch für die Bewohner. Das Zusammenleben auf oftmals engstem Raum erforderte Geduld, ein Miteinander hinsichtlich organisatorischer Absprachen, barg aber nicht selten Konfliktstoffe. Die heile Welt eines einträchtigen Familienlebens, wie es heute so gerne als Reminiszenz auf vergangene Tage gesehen wird, gab es aber sicherlich nicht. Man kann sich dies auch plastisch vor Augen halten: es gab ein notgedrungenes Zusammenleben, wo sich zwei bis drei Frauen den gemeinsamen Herd teilen mußten. Abgetrennt durch einfache Kreidestriche kann man sich vorstellen, dass so manche Essenszubereitung zu einem Streitfall wurde – wer heizt wann und kocht welches Gericht...

Not macht erfinderisch, was sich in den Zubauten architektonisch erkennen lässt. Was die Einrichtung der alten Höfe anbelangt, konzentrierte man sich auf das Wesentliche. Keine Spur von Farbenvielfalt – wenn man Geld hatte, investierte man dies in das Tischlereihandwerk. Und wenn man das alte Mobiliar aufwerten wollte, engagierte man einfach einen wandernden Maler, der das alte Stück optisch verschönte.
Im Tiroler Ausserfern dominieren bei den alten Bauernhäusern der Einhof, Wohn- und Wirtschaftsteil unter einem Dach. Unverkennbar sind hier der alemannische Einfluss (siehe Schindelverkleidungen an Hausfassaden) bzw. der baierische Einfluss (v.a. die reichhaltigen Malereien an den Hausfassaden). Emsig sind die Ausserferner – ein Spiegelbild davon sind die alten Möbelstücke, die unverkennbar einen bürgerlichen Einschlag repräsentieren. Einlegearbeiten und stilistisch mit einem Hauch von beinahe elitärem Charme ausgestattetes Mobiliar verweist auf ein ausgeprägtes Handwerk, dessen Know-how zumeist aus den benachbarten alemannischen und baierischen Region stammt. Obwohl das Tiroler Ausserfern durch den Fernpass von den „zentralen“ Regionen Tirols getrennt war und ist, hat man sich hier – eine vielleicht notgedrungene „Weltoffenheit“ – bewahrt; nicht zuletzt in baulicher Hinsicht.

 

VOLKSKULTUREN IM TIROLER UNTERLAND:
Lustig und Lebensfroh

Wenn man nach einem in der populären Meinung typischen Tiroler Hof sucht, so wird man allemal im Tiroler Unterinntal fündig. Die prächtigen, großzügig angelegten Einhöfe entsprechen dem weitläufigen Klischee. Während es im Tiroler Oberland in früheren Zeiten die Güterzersplitterung gab, beherrschten im Unterland eher Großgrundbesitze die Landschaft. Und dies hat mit dem vorherrschenden Erbrecht zu tun. Während man im Tiroler Oberland den Besitz auf alle Nachkommen aufteilte, galt im Unterland weitgehend das Anerbenrecht. Das heißt im Klartext: entweder der jüngste, (meist) aber der älteste Nachkomme erbte alles – Wohnhaus, Stallungen und Stadel bis hin zu den Nebengebäuden, Äcker und andere agrarische Flächen. Die restlichen Nachkommen wurden – wenn vorhanden, ausbezahlt – wanderten ab oder mußten sich als Knechte oder Mägde am „eigenen“ Hof verdingen. Die immer wieder angepriesene heile Welt vergangener Tage gab es auch hier nicht. Die vererbenden Eltern mußten ins sogenannte Ausgedinge, einem kleinen Nebengebäude. Alte Eheverträge und Erbschaftsverträge zeugen von durchaus gegebenen Problemen: so bedingen sich die Erblasser in diesen schriftlichen Urkunden nicht selten aus, dass sie in der Woche eine bestimmte Anzahl Eier oder Butter erhalten müssen. Ein gewisses Misstrauen war also durchaus gegeben. Hinsichtlich der Hofanlagen selbst zeigt sich ein wahrlich klischeehaftes Bild: mächtige Einhöfe mit Mauerbau im Untergeschoß und Holzkonstruktionen im Obergeschoß bestimmen mit Nebengebäuden wie Brunnen, Kapellen, Waschhäusern/Brechellhütten u.a. diese bäuerliche Architektur. Was den Oberländern ihre Fassadengestaltung mit Freskos an den Aussenwänden war,  war und ist den Unterländern das Zimmereihandwerk – und das bis heute. Viel Augenmerk legte man auf die umlaufenden Balkone, die man übrigens nicht für den inzwischen so populären üppigen Blumenschmuck nutzte, sondern für das Wäscheaufhängen bzw. als Gang zum Apport. Zudem zeigte man Prestige in Form der mächtigen und mit zahlreichen Schnitzereien verzierten Dachgiebelbereiche. Im Gegensatz zur „Hohen Kunst“ hat sich bei dieser Form der Volkskunst nur ganz selten der Künstler in Form seiner Initialen verewigt. Das Zimmereihandwerk hat sich in dieser Gegend bis in die Gegenwart erhalten – wenn auch so manche zu sehr ans Kirchenbarock erinnernde Formenvielt als etwas zu viel des Guten erscheint. Beeindruckend sind die alten Unterinntaler Höfe aber allemal. Über breite Hausgänge gelangt man im Untergeschoß in Stube, Küche und Vorratskammern. Wie auch im restlichen Tirol war – zumindest in früheren Zeiten – das Schlafen auf die Kammern im Obergeschoß ausgerichtet.

 

VOLKSKULTUREN IN OSTTIROL:
Ein Pass muss keine Trennung sein...

Die Haus- und Hoflandschaft in der Region Osttirol repräsentiert eine bauliche Vielfalt. Paarhöfe mit getrennten Wohn- und Wirtschaftsteil finden sich ebenso wie Einhöfe, wo Wohn- und Wirtschaftsteil unter einem Dach liegen. Vielfach verbindet man mit dieser Region absolute Abgeschiedenheit, (vermeintliche) Bergbauernromantik pur. Doch dies wäre zu einfach. So fern ab vom restlichen Tirol getrennt – immerhin liegt das Bundesland Salzburg zwischen den Pässen – hat Osttirol spezielle Eigenheiten, auch in baulicher Hinsicht. Eine klare Linie gibt es nicht. Paarhöfe etwa treten verstärkt im Virgen-, Villgraten-, Defereggen- oder Gailtal auf. Bezeichend für diese Hoflandschaft ist der eher großzügige bauliche Charakter. Im Isel- bzw. Pustertal finden sich vermehrt Einhöfe. Diese Positionierung der unterschiedlichen Hoftypen kommt nicht von ungefähr. In den engen Talschaften mußte man sich mit den geographischen Grundbedingungen zurechtfinden – weite Bauflächen gab und gibt es nicht. Der Hof als Wohnhaus und Wirtschaftsbetrieb mußte entsprechend angepaßt werden. In den breiteren Talschaften konnten sich die großzügig angelegten Einhöfe eher „behaupten“. Bezeichnend für all diese Hoftypen in Osttirol ist der Baustoff Holz – Mauerbau gab es – zumindest in früheren Zeiten – nur wenig. Bei den sogenannten klassischen Höfen ist das Wirtschaftsgebäude überwiegend im Blockbau mit Ständerbohlenbau errichtet, das Wohnhaus im Vierkantholzblockbau aufgezimmert. Der eher weitläufige Balkon verläuft – ähnlich wie im Tiroler Unterinntal – über drei Seiten, den beiden Traufseiten und der Giebelseite. Einen offenen Bundwerkgiebel findet man hier kaum: die klimatischen Bedingungen sind nicht gegeben. Zu den bedeutenden Nebengebäuden zählen etwa die alten Kornkästen. Sie sind im unteren Bereich gemauert und dienten als „Vorratskammern“ für das Getreide. Bezeichnend aber für diese Region sind die Harpfen, Trockengerüste für das Nachreifen der Feldfrüchte, die als bäuerliche Kleinodien der Landschaft – ähnlich wie im angrenzenden Kärntner Drautal – fungieren. Kleinodien deshalb, weil man sie zum Großteil nicht mehr nutzt. Der Getreidebau ist beinahe abgekommen und diese breiten Holzgerüste sind eigentlich Reminiszenzen an vergangene Tage. Sie sind aber – und daher absolut erhaltenswert – wahrliche Kleindenkmäler bäuerlichen Wirtschaftens. Ebenfalls bezeichnend für diese Region sind die Mühlen, die heute nur mehr zu einem geringen Teil betrieben werden. Man nutzte das steile Gefälle in den Talschaften, um die Aufbereitung der eigenen Produkte vor Ort zu erledigen. Erhalten sind u.a. die weitum bekannt Stockmühlen bei Kals – museal aufbereitet und zu bestimmten Zeiten in Betrieb. Im Villgratental gibt es zudem noch eine venezianische Säge, die für die örtliche Holzarbeitung, nicht zuletzt wegen der Wegbarkeit, unabdinglich war.