Das alte Zollhaus in neuer Blüte

Blogartikel // 09. Nov. 2017
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Bauernhof trifft auf Geschichte

Am Ortsrand von Kroatisch Minihof, wo einst Zollwachbeamte nach getaner Arbeit die Beine auf der Wiese ausstreckten, laden heute Karin und Ivan Krizmanich zum Entschleunigen am Urlaub am Bauernhof ein.

Zuhause ist dort, wo man sich wohl fühlt, und das kann zwischenzeitlich schon mal woanders, außerhalb der eigenen vier Wände sein. Besonders Familien schätzen die familiäre Atmosphäre im alten Zollhaus und sobald man Karin und Ivan kennt, weiß man auch, warum das so ist. Die beiden versprühen eine Herzlichkeit, die einem nicht mehr allzu oft begegnet, und entführen einen sogleich in ihre Welt ganz nah an die Natur.

Ab 1938 lebten hier Zollwachbeamte, und seit dem Umbau durch die Familie Krizmanich im Jahr 1997 weht hier ein neuer Wind. Der neue Wind hat eine ganz besondere Note und kommt direkt aus Karins Küche, wo sie gerade ihren berühmten Löwenzahnkaffee zubereitet. Der Löwenzahn, der dafür verwendet wird, stammt von den Wiesen rund um das kleine Dorf im Sonnenland Mittelburgenland und findet seine Berufung nicht nur in Karins Löwenzahnkaffee, sondern auch in Löwenzahnwein und in diversen Speisen.

LÄNGST NICHT ABGEDROSCHEN: EMMER UND EINKORN

Ganz im Gegenteil, wer den Emmer- und Einkornreis der Familie Krizmanich einmal gekostet hat, versteht auch, wieso diese beiden Urgetreidesorten derzeit ein Comeback erleben. Ich muss gestehen, ich selbst habe nicht allzu viel Erfahrung damit, doch seit meinem Besuch im alten Zollhaus will ich nicht mehr darauf verzichten müssen. Vor einigen Jahren entschieden sich Ivan und Karin dafür, diese alten Getreidesorten wieder auf ihre Felder zu bringen und begeistern damit auch viele Urlaub am Bauernhof-Besucher. Die Verarbeitung von Emmer und Einkorn ist etwas aufwendiger als bei vielen uns bekannten Getreidesorten, da das Korn erst aus der Spelze, welche es schützend umschließt, gelöst werden muss. Emmermehl ist etwas klebriger als herkömmliches Weizenmehl, hat eine dunklere Färbung, aber ein unverkennbares würziges Aroma. Einkorn schmeckt ein wenig nussig und enthält besonders viele Aminosäuren. Also ein Getreide, das sich sehen lassen kann.

Emmerreis auf Mehlschaufel © Melanie Limbeck

Schon früh am Morgen, bei meiner Ankunft am alten Zollhaus, ist Karin fleißig in der Küche am Werken. Der Teig für Karins großartige Emmer-Weckerl ist gerade am Gehen, währenddessen putzt sie bereits die frisch gestochenen Löwenzahnwurzeln für ihren berühmten Löwenzahnkaffee. Das Mehl für die Emmer-Weckerl hat Karin in ihrer Holz-Mühle selbst gemahlen und sofort verarbeitet. Ich schaffe es gerade rechtzeitig zum Speck schneiden, der dann kurz darauf auch unter den Teig gemischt wird. Auch der Speck wird hier am Hof von der Familie Krizmanich selbst hergestellt. Dafür hat sich Ivan vor einigen Jahren seine eigene Räucherkammer gebaut und seither pilgern die Kunden von überall zum alten Zollhaus, um den würzen Turopolje- bzw. Duroc-Schwein-Speck zu ergattern. Aber auch in den Emmer-Weckerln macht sich der Speck besonders gut und gibt ihnen den letzten Schliff. Gemeinsam formen wir kleine Laibchen und schieben sie dann auch schon in den Ofen. Minuten später genießen wir auch schon die frischen, noch warmen Emmer- Weckerl zu einem Glas Quittensaft.

selbstgemachte Emmerweckerl © Melanie Limbeck

SCHWEIN HABEN

Schwein haben die Turopolje- und Duroc-Schweine der Familie Krizmanich, denn sie wechseln alle paar Monate auf neue Weiden, Felder oder sogar in Weingärten. Ab November dürfen die Freilandschweine nämlich über die Wintermonate die Weingärten umgraben, befreien den Stock von Ungeziefer und düngen mit ihrem Mist natürlich den Boden. Darüber freut sich der Blaufränkisch der Familie Krizmanich besonders, und hat somit im Frühjahr wieder genug Kraft zu wachsen und mit einer ertragreichen Ernte im Herbst zu glänzen.

Nach dem herrlichen Frühstück machen wir uns dann an das Herzstück des Menüs: den Karreebraten vom Turopolje-Schwein. Der Karreebraten stammt natürlich von den eigenen Freilandschweinen, die vor allem durch Ivan fürsorglich gehegt und gepflegt werden. Geht man zu ihnen auf die Koppel, laufen sie auch schon im Schweinsgalopp an und hoffen natürlich neben den wichtigen Streicheleinheiten auch etwas zum Fressen zu ergattern. Bei der Fütterung herrscht dann reges Treiben, selbst jene, die am anderen Ende des Feldes stehen, sind binnen Sekunden zur Stelle und lassen Ivan keinen Schritt mehr aus den Augen. Erst als alle satt sind, lassen sie ihren Lieblingsmenschen wieder weiterziehen. Im Gegensatz zu herkömmlichen Schweinen brauchen die Freilandschweine der Familie Krizmanich viel länger bis sie richtig ausgewachsen sind. Das lange Warten zahlt sich aber aus – das Fleisch der Turopolje- und Duroc-Schweine hat eine hervorragende Fleisch- und Speck-Qualität. Davon dürfen wir uns auch gleich selbst überzeugen, denn der Karreebraten ist bereits im Ofen.

LÖWENZAHNKAFFEE ALS MUNTERMACHER

Zur Verdauung serviert uns Karin ihren berühmten und von uns bereits mit Spannung erwarteten Löwenzahnkaffee. Optisch sieht er genauso aus wie Bohnenkaffee, doch im Geschmack ist er eine kleine Spur herber. Vor allem während des Krieges und in der Nachkriegszeit war diese Alternative zum Kaffee sehr beliebt und geriet danach leider lange Zeit in Vergessenheit. Für den Löwenzahnkaffee werden die Wurzeln getrocknet, danach gemahlen und zubereitet wie gewöhnlicher Kaffee. Lediglich das Koffein fehlt, dafür stärkt es aber das Immunsystem und ist gut für Galle und Leber.

Zubereitung Löwenzahnkaffee:
Die Löwenzahnwurzeln ausgraben, das Löwenzahngrün abschneiden und die Wurzeln gut waschen. Mit einer Drahtbürste die feinen Nebenwurzeln vorsichtig abstreifen und die Wurzeln in Stücke schneiden. Am Backblech bei 180 °C ca. 30–40 Minuten ganz durchtrocknen bis sie zu duften beginnen. Die getrockneten Wurzelstücke in einer Kaffeemühle mahlen und mit Wasser auskochen. Kurz stehen lassen und noch heiß mithilfe eines Tee- oder Kaffeefilters abseihen. Noch heiß genießen oder gleich für mehrere Tage zubereiten und im Kühlschrank aufbewahren.

Was für ein Erlebnis! Vielen Dank Karin und Ivan für eure Zeit und die Möglichkeit, euch bei der täglichen Arbeit zu begleiten sowie einen Blick hinter die Kulissen, rein in Karins wohlige Küche, werfen zu dürfen. Ich bin begeistert von den wertvollen regionalen Produkten, die ihr hier am Hof selbst produziert und von der Leidenschaft, mit der ihr eurer Berufung nachgeht.