Der Bauernhof: Als Funktionalität Schönheit schuf - Teil II

Blogartikel // 05. Feb. 2021
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Das Leben, die Kultur, vor allem aber das Klima und das Land prägen seit jeher die Form des Bauernhofs. 

Der Einhof

Der ursprünglichste Bauernhof, der Einhof, ist besonders in Bergregionen zu finden. Typisch sind hier bis heute die Häuser im Vorarlberger Montafon oder das Bregenzerwälderhaus mit seinen großen Fenstern. Eine Besonderheit an Letzterem ist der Schopf, ein verandaartiger Vorbau, der sich über die gesamte Sonnenseite des Wohntraktes erstreckt. 

Im Salzburger Flachgau gab es den Mittertennhof. Der Name entwickelte sich aus der besonderen Gehöftform, denn Mensch und Tier lebten unter einem Dach – eine Tenne trennte Wohnhaus und Stall. Vergrößerte sich der Viehbestand, wurde der Stall erweitert – und das Haus bekam mit der Zeit die Form eines T. Es gab keinen Kamin, der Rauch zog durchs Dach ins Obergeschoß und trocknete dabei das dort gelagerte Getreide.

Foto Bregenzerwälderhaus
© Österreichisches Freilichtmuseum / UMJ

Bregenzer Wälderhaus im österreichischen Freilichtmuseum

Der Zwiehof

Der Zwiehof oder Paarhof hat besteht aus zwei gleichwertigen, auch gleich gestalteten Einheiten. Man findet diese Bauweise vor allem im Salzburger Pongau und Pinzgau sowie im alpinen Bereich Tirols und Vorarlbergs.

Auch in Tirol und Vorarlberg sah das Erbrecht eine Realteilung vor. Deshalb wurden die Grundparzellen geteilt, blieben entsprechend klein und die Höfe zersplitterten. Wer sich die Teilung nicht leisten konnte, lebte zusammen – oft mehrere Familien auf engem Raum. Aus diesem Grund haben in dieser Region viele Häuser noch heute mehrere Ebenen und Zubauten.

Der Vierseithof

Wo die Landschaft flacher wird, kann auch das Haus in die Breite wachsen. In den ebeneren Gegenden Oberösterreichs sowie im niederösterreichischen Mostviertel zählen Vierseithöfe bzw. Vierkanthöfe zu den prächtigsten Gebäuden. Beim Vierseithof sind die Ecken mit Toren oder Zäunen verbunden, beim Vierkanthof ist die ganze Einheit festungsartig ummauert. Die meisten dieser großartigen Bollwerke, welche Stärke und Macht demonstrieren, findet man noch heute in dem Länderviereck zwischen Steyr, Enns, Wels und Linz. Mächtig und eindrucksvoll wie Burgen stehen die Vierkanter im Land. Da kann ein Hof schon eine Seitenlänge von 60 Metern aufweisen. Heute erweisen sich die schönen Ungetümer als wirtschaftlich problematisch – deshalb werden die meisten nicht mehr landwirtschaftlich genutzt. Damals waren sie Ausdruck von Reichtum und demonstrierten Bauernherrlichkeit. Die günstige Lage – fruchtbares Ackerland neben der Eisenstraße – machte es möglich. 

Das imposante Waldbothgut nahe Linz misst 54 x 56 Meter und ist mehrere hundert Jahre alt.

Hofansicht Waldbothgut in Oberösterreich  © Waldbothgut

Der Haufenhof

Im niederösterreichischen Donauraum findet man vorwiegend Streckhöfe – bei denen das Hauptgebäude an der Straße liegt, während sich die landwirtschaftlichen Nutzgebäude nach hinten zu ausdehnen. Oft dient eine Mauer als Sichtschutz. Auch beim Haufenhof im südlichen und östlichen Alpenraum bilden alle Gebäude eine Gruppe, wobei die einzelnen Häuser je nach ihren Funktionen unterschiedlich groß sind. Auch die Anordnung ist möglichst funktional.

Im Freilichtmuseum Niedersulz in Niederösterreich werden zahlreiche historische Häuser und Höfe aus dem Weinviertel sowie ein Südmährerhof gezeigt, auch ein Zeilendorf mit Presshäusern ist da zu bestaunen. 

Zwerchhof aus Prottes mit Taubenkobel
© Weinviertler Museumsdorf Niedersulz/Foto Nadja Meister

Zwerchhof Weinviertler Museumsdorf in Niedersulz © Nadja Meister

Die Fassade

„Malereien und die Abbildungen Schutzheiliger ziehen sich quer durchs Land“, erklärt Ing. Klaus Seelos vom Freilichtmuseum Stübing. „Allerdings ist immer zu bedenken, dass Bauern ihre Höfe früher nie unter dem Schönheitsaspekt gebaut haben. Es ging ausschließlich ums Funktionieren. Was wir heute als schön empfinden, ist aus dieser Funktionalität im Zusammenleben von Menschen und Tieren entstanden.“

Regionaltypisch sind etwa die Tiroler Lüftlmalerei im Außerfern und im Inntal, die Schindelfassaden der Vorarlberger Bregenzerwälderhäuser und vor allem die kunstvollen Sgraffitos in Oberösterreich und der Steiermark hervorzuheben. Die kunstvolle Sgraffito-Technik wurden aus Italien übernommen (sgraffiare = kratzen).

Seelos: „Man hat sich immer von anderen etwas abgeschaut. Wenn die Volkskultur Elemente aus der Hochkultur übernahm, spricht man heute von gesunkenem Kulturgut. Sgraffito ist dafür ein gutes Beispiel.“ – Wie auch die barocken Elemente, die in Oberösterreich oft die Außenwände der großen Vierkanter zieren.

Oft entstand auch bei den Fassaden Schönheit aus praktischem Nutzen. Im Mühlviertel etwa wurden viele Häuser mit Bloßsteinmauern errichtet. Was heute begeistert nachgeahmt wird, war damals eine Notwendigkeit. Die Granitsteine der Umgebung dienten als Baumaterial, doch Kalk, der üblicherweise zum Verputzen verwendet wird, war in jener Region rar und teuer. Also ließ man Teile der Fassade eben unverputzt.

Foto Bloßsteinmauer:
Außenansicht des Freilichtmuseums Pelmberg "Denkmalhof Mittermayr", © Verbund OÖ Museen

Bloßsteinmauer in Oberösterreich

Einfassungen der Haustüre, Fenster, des Herdes und beim Hauspflaster wurde Adneter Marmor verwendet.

In der Praxis findet man natürlich viele Misch- und Übergangsformen. Immer hat sich ja auch die individuelle Geschichte ausgedrückt. So wurden bei vielen Höfen nach Bedarf Wirtschaftsgebäude oder weitere Wohneinheiten zugebaut. Nicht zu vergessen, die Technisierung und die regionsübergreifenden Möglichkeiten hinsichtlich des Baumaterials.

Die sozioökonomischen Veränderungen (Rückgang der Landwirtschaft, Ende des Dienstbotenwesens, Zweitwohnsitze usw.) tragen ebenfalls zu dieser Entwicklung bei. Deshalb entsprechen die Neubauten des 20. Jahrhunderts nicht mehr den strikten Hofformen der vorigen Jahrhunderte, sondern haben eigene, weniger ortsgebundene Formen ausgeprägt.

In den letzten Jahrzehnten ist die Alltagskultur weltweit zusammengerückt – das betrifft freilich auch das Bäuerliche. Dennoch sind es vor allem die Bauern, die dafür sorgen, dass Traditionen erhalten bleiben. In ihrer Rolle als „Botschafter“ in einem Leben mit und in der Natur vermitteln sie dieses Wissen weiter.

In Österreich sind Bauernhöfe wesentliche prägende Elemente der Landschaft, und so vielfältig das Land, so reich an Ausdrucksformen sind auch seine Höfe. Von der Vorarlberger Alm zum Neusiedlersee, vom Waldviertler Moor zu den Kärntner Bergen.

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