Glücklich ist, der seine Wurzeln kennt

Blogartikel // 02. Juni 2020
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Am Thonnerhof, hoch über dem Ennstal erwartet die Gäste vieles, aber eines nicht: Kitsch. Vielmehr werden hier die wahren Werte gelebt, jedes Lebewesen respektiert, regionale Produkte sorgsam hergestellt und der Verbundenheit zu Grund und Boden mit jedem Handgriff Ausdruck verliehen.

Eine alte Weisheit besagt: Wenn die Wurzeln tief sind, braucht man den Wind nicht zu fürchten.

Hildegard Schmalengruber ist seit jeher tief verwurzelt mit ihrer Kindheit. Selbst am Bergbauernhof aufgewachsen, zog es sie als erwachsene Frau wiederkehrend in die Berge. Auf den Thonnerhof. Ein Hof, hoch über dem Ennstal und im unmittelbaren Angesicht des Grimming, dem mächtigen Bergmassiv der Region. Zahlreiche Sagen und Mythen ranken sich um den Bergriesen. Geschichten, die neben menschlichem Übermut ebenso von der rauen Welt der Berge erzählen. Wenn Hildegard ihren Blick zu den entfernten, felsdurchzogenen Hängen schweifen lässt, dann weiß sie genau, warum sie dieses Leben trotz der beschwerlichen Arbeit gewählt hat: „Es ist diese besondere Verbundenheit zu den Wurzeln von meinem früheren Zuhause, die stetige Arbeit in der Natur und mit den Tieren.“

Drei Standbeine bilden die soliden Säulen des Hofes: Forstwirtschaft, Landwirtschaft, Vermietung. Da geht die Arbeit kaum aus, geregelte Acht-Stunden-Tage gibt es keine, Wochenendschichten gehören dazu. Aber damit verbunden auch der Luxus, mal einen Tag mit den Gästen eine unbeschwerte Wanderung zu unternehmen.

Ferienhaus der Familie Schmalengruber © Daniel Gollner

„Natürlich müssen die Kühe gemolken und die Heuarbeit erledigt werden, aber wenn ich anschließend meine Auszeit spontan wählen kann, dann nenne ich das Glück.“ Für Hildegard liegt ohnehin klar auf der Hand: „Die Menschen finden den Weg hierher nicht umsonst, das hat viel mit der Sehnsucht nach dem Ursprünglichen zu tun, nach dem ungestillten Durst um die Herkunft regionaler Produkte und der Suche nach Kindheitserinnerungen.“

Milchkuhhaltung am Betrieb der Familie Schmalengruber © Daniel Gollner

Regionale Schätze

Und außerdem: „Wo kriegt man sonst so frische Produkte, als am Bauernhof?“

Knuspriges Bauernbrot, frische Rohmilch von den 14 Milchkühen, welche zu Käse, Joghurt und Aufstriche veredelt wird, sowie Marmeladen und Säfte – der Thonnerhof birgt eine Schatzkiste an regionalen Köstlichkeiten. Da will keiner gleich wieder fahren und das muss auch niemand.

Seit 1972 läuft die Vermietung erfolgreich, aktuell mit zwei Ferienwohnungen, einem urig umgebauten Troadkasten und einem ebenso liebevoll renovierten Holzblockhaus. Viele der Gäste bleiben gerne länger als zwei Wochen, Hildegard ist froh, dass das bäuerliche Handwerk wieder an Wertschätzung gewinnt. „Dadurch lernen die Menschen, bewusster einzukaufen.

Die Werbung darf ohnehin nicht zu viel Kitsch zeigen, es soll kein falsches Bild von der Landwirtschaft vermittelt werden.“ Ein zweischneidiges Schwert, wie sie weiß: „Auf der einen Seite reden wir vom urigen Flair mit alten Wurzeln, andererseits liegen die Standards heutzutage ganz woanders. Die Vorstellung der Gäste soll nicht realitätsfremd sein. Viele glauben tatsächlich, dass wir noch mit der Hand melken.“

Troadkasten am Bauernhof Schmalengruber © Daniel Gollner

Geschenkt wird einem alles und nichts

Dass die Landwirtschaft eine Berufung ist, darin ist sich auch Hildegards Mann Reinhard sicher. Er hat mit 24 Jahren den Hof übernommen: „In dem Alter weiß man ja gar nicht, was da auf einem zukommt. Aber man wächst hinein, hat eine Verbundenheit zu Grund und Boden, zu den Tieren.
Natürlich gibt es schwierige Zeiten, geschenkt wird einem nichts, gemeinsam mit Familie ist letztlich jedoch alles zu schaffen. Und das ist wohl die schönste Form von Reichtum. Ich könnte mir keine andere Arbeit, kein anderes Leben vorstellen.“ War es damals die viele Handarbeit, die nach und nach von den Maschinen abgelöst worden ist, so ist es heute die Bürokratie, die so manche Arbeitsstunde fordert. Aber hier oben am Thonnerhof gleicht ohnehin kein Tag dem anderen, man lebt im Rhythmus der Jahreszeiten.
Ihren Ausgleich, den finden Hildegard und Reinhard im Urlaub. Jedoch nicht am Strand in Caorle, sondern in den Bergen: „Was wir suchen, sind die Berge. Dort sind wir Zuhause, dort gefällt es uns am besten.“
Melkstand bei Familie Schmalengruber © Daniel Gollner

Drei Söhne, drei Hofverbundene

Die Nachfolge am Hof ist ebenfalls gesichert: Der älteste der insgesamt drei Söhne wird den Hof ferner übernehmen, bereit dazu gewesen wären alle drei. „Das mag wohl daran liegen, dass wir trotz der beschwerlichen Arbeit nie gejammert haben“, meint Vater Reinhard. Und wohl auch daran, dass sich jeder glücklich schätzen kann, der weiß, wo seine Wurzeln liegen.

Stall der Familie Schmalengruber © Daniel Gollner