Königin der Nacht: die Schleiereule

Blogartikel // 12. März 2021
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Nie werde ich jenen Abend vergessen: Wir verbrachten unseren Sommerurlaub am Bauernhof in Oberösterreich. Die Kinder waren den ganzen Tag im Stall, während mein Mann und ich in unseren Liegestühlen dämmerten und den Alltagsstress entgleiten ließen. Abends wurden am Lagerfeuer Würstel gegrillt. Wir Erwachsenen plauderten mit unseren Gastgebern, die Kinder tollten mit Hofhund Charly durch den Garten. Bevor wir schlafen gingen, lasen wir – ein Urlaubsritual in unserer Familie – noch gemeinsam „Harry Potter“. Mein Mann und ich sind von Kindheit an Fans, inzwischen begeistert sich bei uns schon die nächste Generation für die Welt der Zauberer. Vor dem romantischen Lagerfeuer war es sehr stimmungsvoll, als uns die die leise Stimme unseres Ältesten mit Harry in die Eulerei von Hogwarts führte.

Nach dem Sommertag voller Tiererlebnisse berührte uns die Freundschaft zwischen dem jungen Zauberer und seiner Eule Hedwig ganz besonders. In diesem Moment hörten wir es nebenan rascheln. Das Geräusch kam aus dem Stallgebälk. „Schsch“, machte Bauer Hubert und deutete nach oben. Und da sahen wir sie in der kleinen Dachluke sitzen. Majestätisch breitete sie ihre Schwingen aus und hob sich in geisterhafter Eleganz über die Felder, schwang sich im Wald über die Baumwipfel davon. Wir wagten es beinahe nicht, zu atmen.

„Was war das?“, fragte ich. „Eine Schleiereule“, sagte Hubert. „Sie wohnt in unserem Stall und holt sich jetzt ihr Abendessen aus dem Wald.“

Hedwig, dachte ich. Gut – Harry Potters tierische Freundin ist zwar eine Schneeeule – aber das spielte in diesem Moment keine Rolle. Eule bleibt Eule. Diese Schleiereule hier hatte für ihren abendlichen Jagdausflug den für uns perfekten Moment gewählt.

Schleiereule sitzt auf Stange © Pixabay

Lebensraum Bauernhof

Auf einigen Österreichischen Bauernhöfen leben noch Schleiereulen. Weil nachtaktiv, bleiben diese imposanten Mitbewohner oft unerkannt. „Ja, da raschelt und flattert abends immer wieder etwas im Stall“, erzählt ein Bauer aus der Steiermark. „Ich bin sicher, dass es sich um eine Schleiereule handelt, aber wir lassen sie in Ruhe. Wir freuen uns, dass sie unseren Hof als ihr Zuhause gewählt hat.“

Schleiereulen, das fanden wir dank Internet noch am selben Abend heraus, können bis zu 40 cm lang werden und erreichen knapp einen Meter Flügelspannweite. Sie sind langbeinig, haben spitze Flügel und herzförmige Gesichter. Ihre Unterseite ist hellbraun bis weiß und meist tropfenförmig gefleckt. Diese Eulenart lebt auf allen Kontinenten, mit Ausnahme der Polargebiete, und sie bevorzugt vor allem Felsregionen und bewaldete Gegenden mit einem milden Klima. Als „Kulturfolger“ sind die Schleiereulen den Menschen bis in die Siedlungen gefolgt, wo sie gern in alten Gebäuden nisten. Ihr krächzendes Rufen kann mitunter ganz schön schaurig klingen.

Kinderferienhof Ederbauer © Bernd Suppan

Vom Aussterben bedroht

Wie bei vielen anderen Kulturfolgern auch ist auch die Zukunft der Schleiereule leider äußerst ungewiss. Das liegt vor allem an den Folgen der Urbanisierung. Nicht zuletzt haben aber auch menschliches Fehlverhalten und dummer Irrglaube – etwa, dass der Ruf der Eule Unglück bringt – für bewusste und absichtsvolle Ausrottung der Eulen gesorgt.

Modernisierung, Renovierung, bauliche Veränderungen: Auch auf den Bauernhöfen verringern sich die Nistgelegenheiten für Eulen zunehmend. Wer also die Gelegenheit hat, beim Urlaub am Bauernhof eine Schleiereule zu beobachten, erlebt gerade etwas ganz Besonderes.

In der niederösterreichischen Eulen- und Greifvogelstation Haringsee werden verletzte Vögel und Wildtiere geborgen, medizinisch versorgt und, wenn möglich, wieder ausgewildert. Dauerpatienten und invalide Tiere haben lebenslanges Wohnrecht und fungieren als Ammeneltern für Jungtiere.

Schleiereule mit verschwommenem Hintergrund © Pixabay

Großartige Jägerinnen

„Weil sich Schleiereulen von Mäusen und größeren Insekten ernähren, findet man sie noch am ehesten auf den Bauernhöfen. Hier, in der Nähe von Wald und Feld, haben die Eulen einen guten Nährboden und deshalb perfekte Lebensbedingungen“, weiß Bauer Hubert. „Die Schleiereule baut übrigens kein Nest, sondern errichtet ihr Gehege in Mauerspalten und Kirchtürmen – oder eben auch in Scheunen.“

Jede Brut besteht aus 2-12 länglichen Eiern. Nach einer Brutzeit von einem Monat schlüpfen die Jungen, welche nach etwa zwei weiteren Monaten flügge sind.

Schleiereulen sind hervorragende Jäger. Dass ihnen auch nicht die kleinste Beute entgeht, liegt nicht nur an der guten Sehkraft, sondern vor allem an dem außergewöhnlichen Gehörsinn dieser Tiere. Das Gehör funktioniert so gut, dass Schleiereulen Mäuse auch noch unter einer Schneeschicht orten können. Eine wichtige Funktion übernimmt dabei auch der herzförmige „Gesichtsschleier“: Wie ein Trichter bündelt er nämlich die Geräusche. Gejagt wird blitzschnell und lautlos. Eine Schleiereule kann dabei ordentlich Tempo machen – bis zu 80 km/h sind schon drin!

Ihre Fähigkeit, lautlos zu fliegen, verdankt die Schleiereule wiederum dem Federkleid, das wie ein Schalldämpfer wirkt. Eine spezielle Flugtechnik, welche die die Luft verwirbelt, anstatt sie zu durchschneiden, sorgt ebenfalls dafür, dass die Schleiereule, wenn sie sich ihrer Beute nähert, selbst nicht gehört werden kann. Kein Wunder, dass Wissenschaftler aller Art diesen Tieren ihre Aufmerksamkeit widmen. In der Bionik, der Zusammenarbeit von Biologie und Technik, welche sich an Vorbildern aus der Natur orientiert, hat man sich von der Schleiereule zuletzt die Flügelform abgeschaut und flüsterleise Ventilatoren entwickelt.

Siedlerhof © Daniel Gollner

Nistkasten

Für Schleiereulen ist die hervorragende Jagdtechnik eine Notwendigkeit, denn sie brauchen viel Nahrung, um zu überleben. Je nach Größe können das schon fünf Mäuse pro Tag und Eule sein. Weil es im Winter mit der Nahrung eng werden kann, sind diese ohnehin vom Aussterben bedrohten Nachtjägerinnen in der kalten Jahreszeit zusätzlich gefährdet.

„Ich habe mir vorgenommen, unserer Hauseule für den Winter einen Nistkasten zu bauen. Seid ihr dabei?“, fragte Hubert in die Runde, und „wusstet ihr, dass Eulen die Mäuse im Ganzen fressen und danach die unverdaulichen Teile wieder herauswürgen?“

Die Kinder verzogen angewidert, aber fasziniert die Gesichter und beschlossen sofort, am nächsten Tag im Stall nach solchen Überresten, dem sogenannten Gewölle, Ausschau zu halten. Für meinen Mann und mich stand somit einem weiteren Tag im Liegestuhl nichts mehr im Wege.

Bauanleitung für einen Nistkasten siehe: www.eulen-greifvogelstation.at

Neugierig geworden? Bei unserem Partner Blühendes Österreich findest du noch mehr Informationen über die Schleiereule:
 https://www.bluehendesoesterreich.at/naturlexikon/schleiereule

Foto: © Salzburger Freilichtmuseum 

Fenster im Salzburger Freilichtmuseum © © Salzburger Freilichtmuseum
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