Wertschätzungsabgabe

Blogartikel // 30. Nov. 2017
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Gregor Tertinjek ist zweisprachig aufgewachsen. Dafür wurde er in der Volksschule gehänselt und als „Jugo“, in den 1980er-Jahren für viele Österreicher Menschen zweiter Klasse, bezeichnet.

Er steckte das locker weg, machte sich keinen Kopf, hatte genügend Selbstvertrauen. Heute sind einige von damals neidisch, weil Gregor sich mit seinen slowenischen Nachbarn verständigen kann. Europa findet genau hier statt, in Remschnigg bei Leutschach. Mit all seinen Errungenschaften und Reibungsflächen. Besuch im Grenzland bei Vollerwerbsbauern mit ganz viel Herzblut.

Gregors Vorfahren haben Grund und Boden 1911 erworben, zur Zeit der Monarchie. Damals ahnte niemand hier, wie bewegt die nächsten 100 Jahre werden sollten. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde 1921 die Grenzlinie zu Jugoslawien gezogen und nachdem sich die Tertinjeks für Rot-Weiss-Rot entschieden hatten, mussten Grenzsteine fortan ihre Landwirtschaft zerteilen. Die Hofstelle wurde ausgenommen, die Nutzflächen jedoch im Zick-Zack-Kurs zwischen der Republik Österreich und dem Königreich Jugoslawien gesplittet.

"Als Kinder haben wir keine Grenzen respektiert"

Gregor ist 1983 geboren und erinnert sich noch an die unbeschwerten Übertritte beim Spielen mit den Kids von nebenan. Ein frühes transnationales Erlebnis am Ort der Kindheit. Die Grenzsoldaten, meist Serben, waren freundlich und hatten sogar Orangeade und Schokolade mit. Der Alltag ziemlich unbeschwert, die föderative Volksrepublik noch stabil. Das sollte sich wenige Jahre später drastisch ändern und in den frühen 90er-Jahren des letzten Jahrhunderts wurde es „für einige Tage etwas brenzlig“, erinnert sich der junge Landwirt an eine Zeit, in der in der Ferne Schusswechsel vernommen wurden. Die österreichischen Panzer, die lauten Draken-Jets und das übrige Kriegsmaterial waren für den Achtjährigen in erster Linie aufregend. Grenzzäune kannte der junge Leutschacher nicht, da musste erst das Jahr 2015 mit den Strömen flüchtender Menschen ins Land ziehen, damit europäische Errungenschaften und Freiheitssymbole, wie Schengen, ins Wanken kamen und der Ruf nach abgeriegeltem Territorium lauter wurde. „Wirklich besorgniserregend“, erinnert sich der Bauer aus dem Grenzland, immer noch mit viel Unverständnis für die Ohnmacht der politischen Elite.

"Von Anfang bis zum Ende Verantwortung für das Tier"

Heute leben Bettina und Gregor neben der Vermietung von Unterkünften, vor allem von der Direktvermarktung. Dabei verfolgen sie eine besondere Philosophie: „Meine Konsumenten müssen auf den Hof kommen. Ich will nämlich nicht, dass sie irgendein anonymes Stück Fleisch kaufen. Mir ist wichtig, dass sie sehen, woher das Tier kommt und dadurch einen Bezug zum Produkt aufbauen“, spricht Gregor über Wertschätzung für qualitativ hochwertige Nahrungsmittel und seine Mission. Alles gedeiht hier derart gut, sauber und fair, dass es ihm sogar gelang, Veganer zumindest teilweise zu bekehren. Seiner Produkte wegen machen ausgewählte Fans fleischloser Ernährung schon mal eine Ausnahme und gönnen sich ein Steak. Chapeau!

Rinder sind für ihn „Mitarbeiter“, unter anderem, weil sie die steilen Hänge als Weide abgrasen und er nicht mähen muss. Das ist gut so, ist er doch – wie er selbst über sich urteilt – ein fleissiger, aber ebenso bequemer Mensch. Beim ersten und letzten Stallbesuch gehen ihm ein „Guten Morgen“ und „Gute Nacht“ über die Lippen. Und wie er das so darstellt, klingt es absolut logisch und nachvollziehbar. Gleichzeitig überlege ich, wie oft ich sowas aus dem Mund eines Landwirts gehört habe. Gregor Tertinjek ist anders, vielleicht sogar extrem. Ich finde es gut und ehrlich, wenn ein Bauer nicht nur eine Beziehung zu seinen Tieren hat (da ist er hoffentlich kein Einzelfall) sondern auch ganz offen darüber spricht. So kann die Landwirtschaft (wieder) eine Vorbildfunktion in der Gesellschaft einnehmen.

"Gut Aiderbichl ist nicht die Realität"

„Schlachten geht mir nahe. Denn wenn es mir egal ist, dann wird’s gefährlich“, spricht er über die starke Mensch-Tier-Beziehung, die vom ersten bis zum letzten Moment andauern soll, ein ganzes Tierleben lang. Dabei merke ich, wie ihn schon die Erzählung emotional bewegt. Gregor will von Anfang bis zum Ende die Verantwortung für seine Tiere übernehmen und nicht aus der Hand geben. Sollte das irgendwann, aus welchen Gründen auch immer, nicht mehr möglich sein, dann endet die Ära der Direktvermarktung am Serschenhof. „Nicht am Hof zu schlachten, ist Verrat am Tier“, beschreibt er mit einem starken Satz den üblichen letzten Weg, der enormen Stress und Nervosität beim Schlachtvieh auslöst. Das merkt der Kunde beim Verzehr, wahrscheinlich nicht bewusst, aber die Stresshormone gelangen durch den Verzehr verlässlich in unsere Körperzellen. Bei den Tertinjeks fährt kein Tiertransporter vor. War noch nie so und wird auch nicht passieren. Never. Ever.

Wenn den Tieren beim Ausbluten der letzte Hauch Leben aus dem Körper weicht, dann ist es seine vertraute Hand, die auf Rind oder Schwein ruht und er „Danke“ sagt. Schlachten klingt kalt und irgendwie brutal, er nennt es viel lieber ernten. Schließlich lebt die mittlerweile fünfköpfige Familie auch gut davon. „Wenn nichts weggeworfen wird, dann ist es ethisch auch vertretbar“, meint Gregor zur vollständigen Nutzung, die er sich generell für die Fleischverarbeitung wünscht. Schön langsam verstehe ich, warum sogar Veganer ab und zu „Ja“ sagen und kein schlechtes Gewissen haben müssen. Ein besonderer Ort mit viel persönlicher Nähe und einem Ambiente, in dem Hüftsteak und Beiried nicht bloß anonyme Fleischstücke hinter Vakuumverpackung sind. Der Serschenhof hat eine starke Botschaft und stellt sich als kleinräumig wirksame Gegenthese zum Tiefkühlsortiment der Handelsketten auf, damit wieder mehr Wertschätzung zum Produkt hergestellt wird. Das ist der Plan und der scheint auch zu funktionieren. Bravo.