Wie Kühe die Welt sehen

Blogartikel // 22. Jan. 2021
Auf Facebook teilen
Auf Twitter teilen

Wie nehmen Rinder die Umgebung wahr? Wie funktioniert eine Kuhherde? Und was bedeutet das für uns Menschen? Sechs Fragen, sechs Antworten.

Gehörnte Führungskräfte – Wie funktioniert eine Rinderherde?

Begleitet ein Bulle die Herde, ist er der unumstrittene Chef. Was er durch Imponiergehabe unterstreicht – also fast wie bei uns Menschen. Üblich sind aber Damenrunden, also Herden aus Kühen und Kälbern. Dort steht eine Leitkuh an der Spitze der Hierarchie. Ihren Rang als „CEO“ behauptet sie nicht nur durch Körperkraft oder Alter, sondern auch durch Selbstbewusstsein und Intelligenz. Und die Leitkuh nimmt sich Privilegien heraus: Etwa die Pole-Position beim Futter oder beim Melken – falls sie es sich aussuchen kann. Weiter unten, im mittleren Management der Herde, wird es dann unübersichtlich. Zwar gibt‘s auch dort meist eine klare Rangfolge, sie muss für den Menschen aber nicht auf den ersten Blick ersichtlich sein.

kuehe-auerhof-strubreiter-urlaubambauernhof

Beste Freundinnen – Gibt es Cliquen innerhalb der Herde?

Ja, eindeutig. Ganz zentral für jede Kuh, egal auf welcher Rangstufe: die besten Freundinnen. Denn Kühe sind sehr soziale Wesen, erkennen sich gegenseitig und finden oft Kameradinnen fürs Leben. Sie fressen und liegen gerne nebeneinander oder helfen sich bei Auseinandersetzungen, wenn mal wieder Zickenkrieg in der Herde herrscht. Gegenseitiges Belecken des Fells vermittelt Geborgenheit und stärkt die Beziehung zwischen den Freundinnen.

kuehe-oberhuette-urlaubambauernhof

Hotel Mama – Was heißt Mutterkuhhaltung?

Bei Mama ist’s halt doch am schönsten: In der Mutterkuhhaltung bleibt das Kalb nach der Geburt bei seiner Mutter – anders als bei Milchkühen. Und zwar fast ein Jahr lang, dann kommt das nächste Kalb. Zentrale Aufgabe der Mutterkuh ist das Aufziehen ihres Nachwuchses. Ihre Milch bekommt daher das Kalb, nicht der Mensch. Knapp 40 % der österreichischen Kühe sind Mutterkühe, insbesondere im Berggebiet ist die Mutterkuhhaltung häufig. Dabei können auch mehrere Kühe und Kälber in einer Herde zusammenleben. Achtung: Die Herde verteidigt den Nachwuchs mitunter vehement!

Full HD geht anders – Wie sieht eine Kuh die Welt?

Eher verschwommen. Denn Rinderaugen befinden sich seitlich am Kopf. Das erlaubt zwar einen Beinahe-Rundumblick, wird aber mit Nachteilen erkauft: Das 3D-Sehvermögen ist ziemlich eingeschränkt. Nur in einem schmalen Ausschnitt direkt vor ihr (rd. 30 Grad ihres Sichtfeldes) kann eine Kuh Distanzen korrekt abschätzen und richtig scharf sehen. Und hinter ihrem Hinterteil versteckt sich ein toter Winkel. Rinderaugen brauchen auch länger als beim Menschen, um sich von Licht auf Schatten umzustellen, nur ganz in der Dunkelheit sieht die Kuh besser. Und Bewegungen nehmen Rinder viel länger als Abfolge einzelner Bilder wahr – also als ruckartige Diashow, nicht als „Film“, wie wir Menschen. All das erklärt, warum Kühe öfters ziemlich erschrecken, wenn man sich lautlos annähert oder schnelle Bewegungen ausführt.

Mädchen auf Holzzaun bei Kühen auf der Moserhütte © Uwe Grinzinger

Ende der Komfortzone – Wie nahe darf ich an die Kuh heran?

Da gibt große Unterschiede im Temperament. Auch unter Kühen existieren Wagemutige, Neugierige und Zurückhaltende. Der Bauer kennt die Charaktereigenschaften jeder einzelnen Kuh meist am besten. Weil er sich in der Herde eine Stellung als „Oberrindvieh“ erarbeitet hat, kann er mit seinen Kühen näher auf Tuchfühlung gehen als etwa ein vorbeikommender Wanderer.

bauer-fuettert-kuehe-archehof-auerbauer-scheffau-sbg-urlaubambauernhof-6

Verkürzte Zündschnur – Wann wird’s brenzlig?

Kühe sind keine Monster, aber auch keine Streicheltiere. Normalerweise sind sie recht friedfertig und flüchten bei Bedrohung eher. Manchmal können Kühe aber auch angreifen. Davor fixieren Kühe eine potenzielle Gefahr aufmerksam. Steigt der Aggressionspegel, folgt Drohverhalten: Senken des Kopfes, mit dem Kinn zur Brust gezogen, Kopfschütteln oder Schnauben. Spätestens jetzt sollte man Abstand halten, einen Umweg nehmen oder sich langsam und ruhig zurückziehen – aber nicht mit dem Rücken zur Kuh davonlaufen. Übrigens alles Verhaltensweisen, die auch ohne Drohgebärde keineswegs schaden. Bei den allermeisten Kuh-Attacken auf österreichischen Weiden war ein Hund der Auslöser. Daher den Hund bei Überqueren einer Weide an die Leine nehmen! Greifen Kühe an, wird der Hund jedoch sofort abgeleint. Er ist im Normalfall schneller und kann daher flüchten. Und die Aufmerksamkeit der Kühe wird vom Menschen weggelenkt.

Schild Weidevieh Hunde anleinen © Uwe Grinzinger

Gut zu wissen: Acht Tipps zu Rindern auf der Weide

  • Ruhig verhalten, Rinder nicht erschrecken
  • Tiere nicht füttern oder streicheln, Abstand halten (auf Wanderwegen bleiben)
  • Wenn Rinder den Weg versperren: großräumig umgehen
  • Tore von Weidezäunen nutzen und danach wieder schließen
  • Besondere Vorsicht bei Mutterkühen mit Kälbern!
  • Bei ersten Anzeichen von Unruhe in der Herde: Weide zügig verlassen
  • Wenn sich Rinder nähern: ruhig bleiben, ausweichen, nicht den Rücken zuwenden
  • Hund an der kurzen Leine führen, bei Kuh-Angriff sofort ableinen!

 

Kühe auf der Piffalm im SalzburgerLand © Uwe Grinzinger
Das könnte dich auch interessieren ...