#WieWirLeben: Familienzusammenführung

Blogartikel // 08. Mai 2018
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Nur von der Viehwirtschaft allein zu leben, das reicht nicht mehr für eine gute Existenz. Zumindest nicht in einer überschaubaren Betriebsgröße, wie sie hier von den Vorfahren in Aich bei Trebesing auf die fruchtbaren Berghänge des Liesertals bei Spittal an der Drau gepflanzt wurde. Besuch bei jemanden, der überhaupt nicht mehr für das „Gummistiefelprinzip“ steht.

Thomas Wirnsberger ist einer, der mit der Zeit geht.

Bei Thomas Wirnsberger war ich mir von Beginn an nicht sicher. Irgendwie ist er auf den ersten Blick kein ganz typischer Bauer (wie immer das auch aussehen mag, das Erscheinungsbild eines Landwirts. Das sei mal dahingestellt). Die Wertung bezieht sich allein aus meinem möglicherweise gefärbten Wahrnehmungsfilter. Aber unbestritten ist er mit seiner präzisen, überlegten und reflektierten Art ein voll und ganz ehrenwerter Botschafter seines Berufsstandes. Ist es der bedachte Stil mit dem er seine Sätze initiiert oder der sanfte Nachdruck mit denen er die Worte zu einer gedankenreichen Aussage knüpft? Thomas ist ein Sir der Kärntner Agrarkultur, wirkt auf eine angenehm intellektuelle Weise sogar philosophisch und aufklärerisch. Dennoch hat er auch die einem jungen Landwirt so typische Körperspannung. Nicht nur einen wachen Geist, sondern auch noch ein Paar nicht weniger tatkräftige Hände. Ein Blick der mir deutlich sagt, dass hier jemand sitzt, der gerne und ordentlich anpacken kann. Mehrmals am Tag von früh bis spät. Bis auf wenige Ausnahmen, fast 365 Mal im Jahreskreis.
Kind mit Schaf auf der Wiese © Daniel Gollner

Fremdbild zwischen Bilderbuchklischee und Skandal

Was den Bauer aus Trebesing in erster Linie stört, ist der Umstand, dass im Hinblick auf die Landwirtschaft auf gesellschaftlichem Niveau entweder stark romantisierende Sehnsuchtswelten, oder dämonenhafte Skandale kommuniziert und publiziert werden. Also entweder „to good“ oder ziemliche arge „bad news“. Die Wahrheit liegt seiner Meinung nach in einer selbstbewussten, die Wahrheit kennende Unaufgeregtheit. Umgelegt auf den Simonbauer manifestiert sich ein buntes Potpourri an Standbeinen, die Ertrag einbringen. Milchwirtschaft mit 25 Kühen, Zuchtbetrieb, Eigenvermarktung mit den Hofschweinen, die im Winter in zweiwöchigen Intervallen artgerecht und stressfrei geschlachtet werden. Dazu noch 30 bis 40 Schafe, Forstwirtschaftsoffensive in den Wintermonaten und Energieholzproduktion (Hackschnitzel!) für naheliegende Hotelkomplexe. Die Photovoltaik am Hof versteht sich bei so viel Energie von selbst, wollen die Wirnsbergers auch selbst möglichst autark leben. Punkt.

Kind mit Kalb im Stall © Daniel Gollner

Die Eltern haben mir diese Philosophie vorgelebt. Dafür bin ich dankbar

Es ist schon beeindruckend, was hier oben im Liesertal alles passiert. Ist ja nicht so, dass von der in guter Entfernung liegenden, aber akustisch und visuell nicht wahrnehmbaren Tauernautobahn, ein Meer an Schildern zum Vorzeigehof führen würden. Nein. Gar nicht vorzustellen, was man alles beschildern müsste. Aber schön ist sie schon, die Vorstellung, dass Menschen wie Thomas und seine Familie Teil eines Bildungssystems sein könnten, das jungen Menschen, die nicht so ländlich geprägt sind und Landwirtschaft vielleicht nur aus den klischeetreibenden TV-Spots kennen, das echte Leben als Antithese zur medialen Weichspülung vermitteln.

Kind auf der Rutsche © Daniel Gollner

Das Gefängnis, in dem das Murmeltier täglich grüßt und das Werbe-Schweinderl einfach nicht altern will, sondern nur der Bauer, den sie am Set wahrscheinlich immer nur noch besser schminken müssen.

Ja, was wäre denn, wenn lokale AkteurInnen, die mit beiden Beinen g‘sund im Erwerbsleben stehen, ihren Drive und Spin in die Schulen der unteren und mittleren Bildungsstufen tragen würden? Wie könnte ein Unterrichtsfach heißen, das Bauern und Bäuerinnen aktiv mitgestalten? Hausverstand 2.0? Ethik für alle reloaded? Das gute Leben? Lassen wir unsere Phantasie an dieser Stelle ruhig mal losgaloppieren.

Kind auf der Herbstwiese unterwegs © Daniel Gollner

Nach vier Tagen Urlaub bin ich heimatreif

Die Adria wäre gar nicht so weit weg vom Simonbauer aus Oberkärnten. Aber da ist sich die Familie scheinbar einig. Es braucht zum Auspannen keinen endlosen Strand an der nahen Mittelmeerbucht irgendwo zwischen Grado und Jesolo. Ab und zu einfach mal den Rhythmus stören, das reicht schon. Perspektivenwechsel zur Stall- und Hofarbeit. Die „Aus-Zeit“ kann aber auch die hofeigene Almhütte sein oder der nahe Katschberg, der das Liesertal vom Salzburgerland trennt. Im Grunde braucht es nicht viel, wenn man das, was man tut, nicht als Last empfindet. Ein brutal-lokales Oberkärntner Plädoyer für mehr Zufriedenheit im Jetzt. Bitte „copy-paste“ ins eigene Leben.

Windows-Landschaft beim Simonbauer © Daniel Gollner

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