#WieWirLeben: Lesachtaler Backbox für Tokio

Blogartikel // 31. Aug. 2018
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Elfriede pflegt Weltkultur. Und zwar eine immaterielle, aber nicht weniger essentielle, nämlich das ursprüngliche Brotbackhandwerk, das die UNESCO 2010 dazu bewog, dieses Prädikat über den südwestlichen Zipfel Kärntens zu legen. Im Lesachtal, vor allem um Maria Luggau und Liesing wird die Kultur der Brotherstellung in eigenen Öfen noch stolz praktiziert und behutsam in die Zukunft getragen. Brotbacken ist Elfriedes Hobby und davon profitieren in erster Linie ihre Gäste, denn drei Sorten müssen es schon sein, am Frühstücksbuffet der Stabentheiners.

Aufgewachsen einen Steinwurf entfernt auf einer Landwirtschaft in Obergail, fand Elfriede schon sehr früh Gefallen am Hofleben und der Anwesenheit von Urlaubsgästen. Clever war sie ebenso und so wurden die „nicht so lustigen“ Tätigkeiten schon mal an die Urlauberkinder delegiert, die ihrerseits aber große Freude am Tun hatten. So funktioniert Tourismus. Dazu braucht es kein Studium, eine glatte Eins, setzen, danke. Die Lesachtaler Bäuerin spürte, wo die Wurzeln ihres Lebensbaumes in die Erde treiben sollen und kehrte nach dem Absolvieren der Hotelfachschule in Villach bald ins Tal zurück. Allerdings nicht mehr nach Obergail, sondern ins wenige Kilometer entfernte Stabenthein. Hochzeit im Alter von zarten 18. Gemeinsam mit Johann, damals mit 20 kaum älter und erfahrener, wird auch gleich der Hof von den Schwiegereltern übernommen. Ein selbstbewusster Beitrag nach dem Motto „Jugend forscht“. Hut ab, hat geklappt.

Scheune mit Schnee © Daniel Gollner

„Wir sind eine echte Landwirtschaft. Streichelzoo gibt es bei uns nicht“

Der Stabentheinerhof (Milchviehbetrieb) punktet mit klassischen Vorzügen der Urlaub am Bauernhof-Philosophie. Die Gäste können sich frei bewegen, gepaart mit authentischer, geradliniger Gastgeberei, die sich aufs Wesentliche reduziert. Das funktioniert auch hier, der Stammgästeanteil ziemlich hoch. Das Vermieten hätte sich aber schon etwas verändert in den letzten Jahren, meint Elfriede. „Früher, da blieben die Gäste bis zu 3 Wochen, in erster Linie Bergsteiger“, erzählt sie rückblickend. „Heute kommen hauptsächlich Familien mit Kindern, die das Leben am Hof interessiert. Also Brot backen und Joghurt machen und so“, präzisiert Elfriede die Urlaubsmotivation ihrer Gäste. Vor allem die Erwachsenen zeigen sich interessiert und aufmerksam, wenn es sich, wie beim Brotbacken, um die Herstellung von Lebensmittel handelt. Wohl ein Indiz dafür, dass ins Ernährungsbewusstsein etwas Bewegung reinkommt.

Frau mit Hofkarren © Daniel Gollner

„Kulturexport ins Land der aufgehenden Sonne“

Das Brotbackhaus am Stabentheinerhof (übrigens das letzte seiner Art im Lesachtal) wird ein Mal pro Woche beheizt. Ein mehrstündiges Ritual, dem die Gäste des Hauses gerne beiwohnen dürfen. Elfriedes Lieblingsbrot ist, wie sie sagt, das „g’sunde Brot“ aus reinem Sauerteig mit Roggenschrot, Dinkelmehl, Bio-Roggen-Vollmehl, Heublumen, Erdmandln, Sonnenblumenkerne uvm. Die Freude am Brotbacken wurde den LesachtalerInnen in die Wiege gelegt, könnte man behaupten. Am Stabentheinerhof brauchte es aber doch erst eine neugierige Ethnologin und Professorin der Universität Tokio, die die europäische Brotkultur erforschte und über Empfehlungen direkt an den Stabentheinerhof kam. Was dann folgte, klingt ziemlich abgedreht, ist aber so geschehen und durch Fakten belegt. Um das Backhäuschen als Klon des Originals in Ome bei Tokyo aufzustellen, wird es drei Tage lang fotografiert, seziert und dokumentiert. Ein Lienzer Ofensetzer wird eigens für das Projekt engagiert und das Baumaterial ebenso aus Österreich importiert. Erst nach diesem einschneidenden Erlebnis fassen Elfriede und Johann den Entschluss, auch das Original am Hof wieder zu revitalisieren. Und das tun sie dann auch, denn was als Kopie in Fernost für Furore sorgt, kann auch mit etwas Fördergeld aus Bund, Land und Europäischer Union ein verstaubtes Original aus dem Dornröschenschlaf küssen.

Vogelfuttterhaus © Daniel Gollner

„Winter ist die Zeit für Erholung und Weiterbildung“

Neben den Tieren widmet sich Elfriede in den kalten, dunklen Monaten vor allem sich selbst und ihren Lieben, die dann um Weihnachten herum mit Kind und Kegel nach Hause kommen. In ihre Heimat, dem kleinen Fleck auf dieser Erde. „Bis Feber rasten wir uns aus“, sagt sie „und essen nur „Stockblattln“ (eine scheinbar vorzüglich schmeckende regionale Süßspeise, die mir aber noch unbekannt ist)“, schmunzelt sie mit einer Prise Vorfreude auf diese Zeit des Nichtstuns, die bald anbricht. Obwohl sich das „Laissez-Fair“ hier ganz und gar nicht auf den persönlichen Drang zur Fort- und Persönlichkeitsbildung konzentriert. Denn während sich Elfriede Bastel-, Koch- und – wie könnte es anders sein – Brotbackkursen hingibt, nutzt der Ehemann die vielfältigen Weiterbildungsmaßnahmen des Ländlichen Fortbildungsinstituts, um den Wissensdurst zu stillen und eben nicht stehen zu bleiben. Im Übrigen bleibt zwischen Dezember und März auch Zeit für das Dorfleben, das es hier im Lesachtal zweifelsohne noch gibt. Das ist zwar (noch) kein UNESCO-Weltkulturerbe, will aber auch gepflegt werden.