#WieWirLeben: Rurale Intelligenz

Blogartikel // 31. Aug. 2018
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Helga Scheiber lebt am Malerhof und Name ist dort Programm. In Waidegg bei Jenig im Kärntner Gailtal steht ein wunderschönes Hof-Ensemble mit alten Obstbäumen, den schönsten Ziegelfenster Kärntens und megadicken Mauern, die Geborgenheit ausstrahlen, aber dem WLAN schon mal zu schaffen machen. Auch in der Nachbarschaft: Der Millienniumexpress, schwebender Eintritt ins Nassfeld, Kärntens größtes und italophilstes Skigebiet. Besuch bei einer Bildungshungrigen, die gut mit Gästen kann.

„Wir arbeiten sehr viel in der Natur, am Feld und im Stall. Am Abend, wenn unsere Tiere versorgt sind und die Arbeit verrichtet ist, haben wir Zeit Ihre Anfragen in Ruhe zu beantworten“, lautet der erfrischend ehrliche Text auf der Startseite des Malerhofs im World-Wide-Web. Diese Aussage beschreibt die Hofphilosophie im Gästeservice treffend, denn hier geschieht alles zu seiner Zeit, kein Stress, keine Hektik. Daumen hoch.

Mann zieht ein Kind auf einem Traktor © Daniel Gollner

„Ich kann mich nicht zum Sklaven des Computers machen. Gästeanfragen werden am Abend beantwortet.“

Der Fokus am Malerhof liegt ganz klar auf der Betreuung der Urlauber vor Ort. Also wenn sie mal da sind, dann spielen die Scheibers ihre Stärken aus. Vor allem Helga kann es sicher nicht abstreiten, dass ihr die Rolle der Gastgeberin nicht gefallen würde. Sie spricht gern und viel, hat aber auch echt einiges zu erzählen. Man hört ihr gerne zu. Und während wir im 350 Jahre alten Troadkasten (eine der insgesamt vier Ferienwohnungen) sitzen, kann ich mir gut vorstellen, dass das auch ihre Gäste tun, eventuell begleitet von einer Nachmittagsjause aus hofeigenen Produkten wie Joghurt, Marmelade, Wurst und Hausspeck. „Die Vermietung ist mein Leben“, und keiner zweifelt daran, der schon mal länger als ein paar Stunden am Hof der Scheibers war. Für die stolze Bäuerin ist der Umgang mit Gästen eine gegenseitige Befruchtung, ein lebenslanges Lernen durch Begegnung.

Mädchen steht vor Hasenkäfig © Daniel Gollner

Helga hat ihre Kindheit unweit von hier auf einer „Hobbylandwirtschaft“ verbracht, wie sie den elterlichen Hof heute nennt. Ihre Mutter hatte eine Kuh und ein Kalb, die Großeltern Ziegen. Prägender hingegen waren die ersten Berührungspunkte mit Gästen und den sozialen Effekten, die für Bauernhofkinder in der Hochsaison spürbar waren. „Wir mussten im Keller oder in der Scheune schlafen. Ein Wahnsinn! Das wäre für unsere Jungen heute völlig undenkbar“, wagt Helga einen Blick zurück und es scheint ein glücklicher Umstand zu sein, dass sie sich trotzdem für die Gastgeberei entschieden hat. Wohl auch, weil sie wusste, dass es eine gesunde Trennung des privaten Lebensbereichs und der Ferienwohnungen braucht. Und das ist am Malerhof gegeben, also Nähe ist möglich, muss aber auch nicht immer sein.

Mädchen streichelt Pony © Daniel Gollner

„Mädchen reiten gerne, Burschen haben eher Augen für John Deere & Co.“

Vermietet wird seit 1996, also schon eine halbe Ewigkeit. Obwohl der „malerische“ Hof im Dorfzentrum liegt, bietet das Anwesen mit den schönen alten Obstbäumen und einer schattenspendenden Mauerbirne, die gut 150 Jahre alt sein soll, einen Hektar Garten rundherum. Wer hat das schon? Genügend Platz und Auslaufzone für Kind & Kegel. Sollte es im sonnenverwöhnten Gailtal mal nass und unfreundlicher sein, packt Helga ihre Basteltricks aus und unterhält Gästekinder oder bäckt mit ihnen gemeinsam Brötchen. Ansonsten gibt es Grillabende und einen Almausflug zu den Hofschweinen, die oben grasen dürfen. Der ganze Outdoorspass findet natürlich im Sommer statt. In der kalten und weißen Jahreszeit locken zahlreiche Pistenkilometer am Nassfeld, das man ab Hof direkt und bequem mit dem Skibus erreicht. Die Gästeschar ist international gestreut, im Winter dominieren zentraleuropäische Herkunftsländer. Kanadier, Australier und Amerikaner durften sich schon in die Gästebücher des Malerhofs eintragen und in der 500 Jahre alten Bauernstube probesitzen. Ein schöner Beitrag zu Welt im Dorf.

Kind steht in einem Holzhäuschen © Daniel Gollner

„Nur Landwirtschaft war mir immer zu wenig“

Helga Scheiber war 23 Jahre lang Bildungsreferentin im Bezirk Hermagor und vertrat als selbstbewusste Sprecherin auch die Anliegen ihrer Gesinnungsschwestern. Wie gesagt, nomen est omen. Etliche Male besuchte sie das Bildungshaus Schloss Krastowitz in Klagenfurt, um ihren Wissensdurst zu stillen. Als Seminarbäuerin war es fortan ihr Auftrag, das Wissen rund um Brot, Fisch, Gemüse und Obst ins Land hinein zu tragen. In den Dörfern und Gasthäusern oder im Einsatz in den Schulen und Kindergärten. Jedenfalls immer mit sehr viel persönlicher Nähe. Die touristische Vermietung bringt den Scheibers heute schon mehr ein, als der traditionelle Landwirtschaftszweig. Und in zirka zwei Jahren, so meint Helga, wäre es dann Zeit für die Übergabe des Hofs an die nächste Generation, denn dann möchte sie es auch mal ruhiger angehen lassen und freut sich schon zu sehen, wie ihr Sohn, seine Lebensgefährtin und der kleine Julian die Weichen des Malerhofs in Richtung Zukunft stellen.