#WieWirLeben: Einst und Heute vertragen sich bestens

Blogartikel // 22. Mai 2018
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Zwischen 1050 und 1150 wurde das Bergdorf St. Oswald besiedelt, 25 Bauernfamilien ließen sich damals dort nieder. Eine davon war die Familie Hinteregger. Hier gehen Entwicklung und Rückbesinnung auf alte Traditionen Hand in Hand

Diese Geschichte spielt im Herzen der Nockberge. Genauer gesagt, in St. Oswald. Einem Bergbauerndorf, 1228 erstmals urkundlich erwähnt und von den Einheimischen liebevoll „Doaswald“ genannt. Die Bezeichnung leitet sich vom Ortsnamen ab, sogar einen eigenen Dialekt gab es früher, „Doaswalderisch“. Heute spricht diesen niemand mehr, der Charme des alten Bergbauerndorfes blieb hingegen bis in die Gegenwart erhalten und macht dieses zu einem so wunderbaren, unvergleichbaren Kleinod inmitten der „Nocken“. Wer den Weg hierher sucht, wird letztlich zu sich selbst finden. Denn dort, schon fast am Talende, wo sich die Berghänge bereits sanft aufwölben, dort liegt er, der Hintereggerhof. Bis in das Jahr 1470 reicht die Familiengeschichte zurück, heute lenken Sepp und Ingrid Hinteregger die Geschicke.

Auf die Wurzeln nicht vergessen

Die Art, wie Sepp die Dinge anpackt, ist stark vom Großvater geprägt: „Wir wollen das, was unsere Vorfahren in so mühseliger Arbeit geschaffen haben, weiterführen. Entwicklung auf der einen Seite und Rückbesinnung auf alte Traditionen auf der anderen stehen bei uns nicht in Konkurrenz, sondern harmonieren ebenbürtig.“ Ein Konzept, das hält. Auf den alten Hohlwegen, wo der Großvater einst das Heu mittels Pferdeschlitten ins Tal transportierte, bahnen sich heute Wanderer ihren Weg hinauf zu den Gipfeln der Nockberge. 1962 zog der Tourismus mit dem ersten Sessellift in St. Oswald ein. Die Großeltern reagierten damals schnell, verlegten ihr Schlafzimmer kurzerhand in den ersten Stock und schufen Platz für eine Gaststube. Mehrere Gästezimmer folgten. Durch den wachsenden Tourismus wuchs auch der Betrieb: Was einst als reiner landwirtschaftlicher Betrieb begann, entwickelte sich über die Jahrhunderte zum Bio-Bauernhof und Viersternehotel mit einem breiten touristischen Angebot. „Die Gäste kommen zu uns, um die Ruhe zu genießen und Kraft zu tanken. Da kann es schon mal passieren, dass sich manch einer vorerst durch das Plätschern des Baches in seiner Nachtruhe gestört fühlt und dieses Geräusch tags darauf auf keinen Fall mehr missen möchte“, erzählt Sepp.

Von allem etwas, aber von nichts zu viel

Bauer sein, das lebt Sepp mit Stolz. „Als Kind schlich ich mich oft in meinem Stallgewand durch den Keller zu den Kühen, damit die Gäste den Geruch und Schmutz nicht wahrnehmen konnten. Damals wussten viele gar nicht, dass die Produkte allesamt vom Hof stammten. Heute gehe ich mit meinem Milcheimer an ihnen vorbei und fordere sie auf, mitzukommen. Ich möchte Einblick in unser Leben und Arbeiten gewähren.“ Wer ein streng getaktetes Wochenprogramm erwartet, hat somit weit gefehlt, hier bestimmen Natur und Jahreszeit den Tagesablauf. Wer mag, kann gerne mithelfen, zum Sehen gibt es ohnehin genug: Mutterkühe und deren Nachwuchs auf den Almen und Wiesen, kugelrunde Hofschweine, Ziege Peter und wuschelige Ponys, die allesamt um keine Streicheleinheit verlegen sind, summende Bienenstöcke und mehr. „Es gibt von allem etwas, aber von nichts zu viel. Ich will zeigen, dass auch ein Kleinbetrieb funktionieren kann“, ist Sepp von seiner Idee überzeugt.

Blick für Natur wieder lernen

Das spiegelt sich schon in seinen Gedanken für die kleinen Gäste wider: „Als ob es mehr bräuchte, als ein paar Bretter und Wasser, um Kinder zum Spielen zu animieren.“ Mit Hilfe der Erwachsenen ist damit schnell ein Wasserrad zusammengezimmert und im Bach platziert, fröhliches Kinderlachen und aufgeregtes Plappern inklusive. „Nasse Füße allerdings auch, aber dafür gibt es ja Schuhe zum Wechseln“, lacht Sepp. Überhaupt müsse man den Jüngsten den Blick für so viele Dinge wieder öffnen: „Die Kinder sind einfach nicht mehr so fit wie damals. Manche laufen bei uns das erste Mal über Stock und Stein, das Wissen für das Natürliche fehlt, man muss viel mehr aufpassen.“ Um diese Grundinstinkte wieder zu wecken, möchte Sepp in naher Zukunft einen eigenen Kindererlebnisbauerhof realisieren: Selbstständig ohne Aufsicht in den Stall gehen und Hühnereier einsammeln, Tiere füttern und dabei natürlich lernen, das will er ermöglichen.

Arbeit ist für Sepp keine Belastung

Die Mehrstunden, die zählt am Hintereggerhof keiner. „Das ist unsere Art zu leben und keine Belastung“, erklärt Sepp. Belastend wäre für ihn da eher ein Bürojob á la „working nine to five“. Und wenn das Wetter die Heuernte verregnet, das ärgert ihn. Zur Ruhe kommen und Durchschnaufen, das geht auch auf einem gemeinsamen Pirschgang mit den Gästen: „Wenn man das Wild durch das Fernglas beobachtet, zusammen am Hochsitz verweilt, das verbindet. Viele Menschen beginnen dann plötzlich über Probleme zu reden, über die sie sonst nie gesprochen hätten.“ Da kann das Gewehr auch mal gerne im Schrank bleiben, das Erlebnis an sich zählt. Sei es nun ein rauer Wind, ein Reh, das vertraut über die Almwiesen zieht oder ein Sonnenaufgang über die Gipfel der Nockberge, solche Dinge muss man laut Sepp gesehen haben. Und selbst spüren. Nur darüber zu erzählen, das sei zu wenig.

Drei Söhne, ein Ziel

Seine Leidenschaft, seine Philosophie, die hat er seinen drei Söhnen Matthias, Martin und David weitergegeben. Allesamt waren sie auf Ausbildung und Erkundungstour in der Weltgeschichte unterwegs, alle drei sind wieder zum Hof zurückgekehrt. Zu schön ist es hier, finden sie. Das bestätigt auch der hohe Stammgästeanteil. Die Gästekinder, die Sepp einst auf seinem Schoß gelockt hat, kommen heute mit dem eigenen Nachwuchs auf den Hintereggerhof. Und auch Sepps Söhne möchten ihre Kinder hier aufwachsen sehen: Matthias führt seit sechs Jahren den Brunnachhof, einem Alpengasthof auf 1.750 Meter Seehöhe, David packt in der Landwirtschaft tatkräftig mit an und Martin schweben ohnehin unzählige Ideen vor, um dem Hof weiter zu entwickeln. Er war am längsten, insgesamt 20 Jahre lang, von zu Hause weg. Studierte Geologie in Innsbruck, ging auf Weltreise und kehrte letztlich wieder heim, ernährt sich seit vielen Jahren vegetarisch und steht trotzdem zu den eigenen Hofprodukten. Warum auch nicht, wie er meint. Man lässt sich gegenseitig Raum. Ob sich das für drei Familien mal ausgehen wird? „Die Zeit wird es zeigen. Ich fände es schön, meine Kinder am Hof groß zu ziehen, aber es ist nicht unbedingt leichter. In einem Bergdorf, wo die Verkehrsanbindungen nicht so flexibel sind, ist der Begriff Homeschooling durchaus Thema.“ Und doch hat sich Martin für St. Oswald entschieden, zeigt auf Homepage, Facebook und Instagram mittels Videos und Fotos „wie schön es ist“ und engagiert sich zudem für die Region als Obmann der Denkmalpflege: „Mit liegt was an der Region, ich habe ja nichts davon, wenn alles vor die Hunde geht.“ Wahre Worte, wahrer Kern, klare Botschaft: „Wir machen das, was wir können und was wir immer schon gemacht haben. Die bäuerliche Arbeit wurde lange nicht ernst genommen, dabei gäbe es ohne uns Bauern keine Pisten im Winter und keine Almen im Sommer. Das muss sich ändern. Es ist kein Zufall, dass man in den Wald geht, um Ruhe und Erholung zu suchen, wenn es einem schlecht geht.“ Und genau da setzt eine weitere Idee von Martin an: Die Entwicklung vom Hintereggerhof zum Green Care Auszeithof.

Stichwort „Green Care“

Mit einem Green Care Auszeithof werden die Ressourcen eines Bauernhofes ganz bewusst zur Förderung von Gesundheit und Wohlbefinden eingesetzt. „Das Konzept darf als Schule am Bauernhof für Erwachsene verstanden werden, mit Seminaren und Workshops“, erklärt Martin. Er sieht das als Chance für die Zukunft, die Vor- und Nachsaison stärken kann und sich von äußeren Einflüssen unabhängig macht, Stichwort Klimawandel.

Die Zukunft wird Veränderung bringen am Hintereggerhof, denn auch Vater Sepp weiß: „2019 steht mein Sechziger an, 30 Jahre habe ich dann den Betrieb geleitet, da wird es Zeit, den Weg für meine Kinder freizumachen. Ich darf den Absprung nicht übersehen. Die Werte, die mir wichtig sind, habe ich allen mit auf den Weg gegeben.“ Wie ihm sein Großvater damals. Von Generation zu Generation. Weil sich Einst und Heute hier am Hintereggerhof in „Doaswald“ einfach bestens verstehen.

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