Der Bauernhof: Als Funktionalität Schönheit schuf - Teil I

10.02.2021, Elisabeth Freundlinger

Jeder Bauernhof ist eine in vielen Jahren gewachsene Einheit, die sich aus den vielfältigen Bedürfnissen seiner unterschiedlichen Bewohner zusammensetzt: Hier leben Menschen und Tiere zusammen, alt und jung. Somit ist jeder Bauernhof zugleich Zuhause, Arbeitsplatz, wie Energie-Tankstelle und Erholungsort. 

Jetzt teilen!
Sillbauernhaus Salzburger Freilichtmuseum | © Markus Lackinger

Ständige Weiterentwicklung

Die Entwicklung der Landwirtschaft begann mit der Sesshaftigkeit vor ca. 10.000 Jahren. Wo die klimatischen Bedingungen und das Gelände passten, ließ man sich nieder und kultivierte den Boden, erfand Werkzeug und begann etwas später mit der Viehzucht. Zweck der Landwirtschaft war zu allen Zeiten die Gewinnung von Lebensmitteln. Lange waren Bauern unfrei, später entschied der Geburtsort darüber, ob ein Bauer unabhängig war, als Pächter arbeitete oder als Leibeigener dienen musste. In der Steiermark etwa waren die Bauern noch Leibeigene, als sie in Tirol und Vorarlberg schon frei waren. Erst in der jüngsten Geschichte wurden Bauernhöfe zu autarken Einheiten. Die Politik, die Geschichte, das Klima, das Land, die Geländeform, die Nutzungsweise (Viehhaltung oder Getreideproduktion), Traditionen – all diese Faktoren spielen eine bedeutende Rolle in der Entwicklung der bäuerlichen Architektur.

Ein Bollwerk gegen Gefahren

Der Bauernhof ist nicht nur der Lebensmittelpunkt mehrerer Generationen, sondern oft auch die Lebensader der Umgegend. Im vorigen Jahrhundert waren die Höfe unabhängig wie Burgen, alle lebensnotwendigen Güter wurden selbst produziert. Umso wichtiger war der Schutz vor diversen Gefahren wie Witterung und Feuer. Ebenso wesentlich die Effizienz: Möglichst kurze Arbeitswege sparten Zeit und Kraft. Auch all das hatte natürlich Auswirkungen auf die Bauweise.

Die Türkenkriege im 16. und 17. Jahrhundert etwa verwüsteten weite Teile des Burgenlands. Bei der Neugestaltung der verlassenen Dörfer orientierten sich die Menschen an ihren damals aktuellen Bedürfnissen: Sicherheit und Kommunikation. Seither bestimmen Angerdörfer mit einem zentralen, von allen Bewohnern gut erreichbaren Platz – dem Anger, sowie Zeilendörfer die Dorfstruktur. Im Dorfmuseum Mönchhof ist die Atmosphäre vergangener Zeiten heute noch zu spüren.

Anders die Kärntner Bauernhöfe, welche sich schon aufgrund der Geländeform aus mehreren Gebäuden zusammensetzen. Die Wohnhäuser zeichnen sich durch steile Satteldächer aus. Anfangs in Holzblockbauweise errichtet, wurden die Häuser später im Erdgeschoß vermauert – und, vor allem im Lesachtal, an der gemauerten Fassade gern mit kunstvollen Malereien verziert.

Viele Häuser wurden infolge des Erbrechts in gleichwertige Doppelhäuser geteilt. Ein weiteres Beispiel für Kärntens zahlreiche architektonischen Eigenheiten sind die Bad- und Brechelstuben. Diese bäuerlichen Nebengebäude wurden als Badehäuschen (etwa vergleichbar mit der finnischen Sauna) wie auch zur Flachsbearbeitung genutzt. Spannende Einblicke in diese vergangene Welt der letzten sechs Jahrhunderte bietet das Freilichtmuseum Maria Saal.
© Freilichtmuseum Maria Saal/ Foto: Melitta Tschinder

Menschen und Vieh, Vorräte und Werkzeug

Klassischerweise besteht ein Bauernhof aus vier Bereichen: dem Wohngebäude, den Stallungen, der Garage/ Werkstatt, der Scheune zur Aufbewahrung der Güter und Lebensmittel. Dazu kommen Gemüse- und Kräutergarten, und wenn‘s ein Urlaubsbauernhof ist, heutzutage auch Spielplatz, Ruhewiese und ein Extra-Trakt mit Ferienwohnungen. Das alles gibt dennoch kein wirres Durcheinander, sondern einen bunten, in sich stimmigen Komplex, dessen Struktur sich im Lauf vieler Jahre gebildet hat.

Im altmodischen Bilderbuch hat jeder Bauernhof einen Holzbalkon mit geschnitztem Geländer, viele Blumen an den Fenstern und ein knorriges Bankerl vor dem Eingang (da sitzt dann der Opa mit dem Filzhut und raucht Pfeife). Die Tiere leben im Stall, und hinterm Haus ist ein Misthaufen mit Gockelhahn. In der Einfahrt steht ein altmodischer, roter Traktor. Die Bauersfamilie trägt den ganzen Tag Tracht und sitzt nie vor dem Fernseher …

Heute gibt`s in fast jedem Bauernhof ein Büro oder zumindest eine Ecke für den Laptop, oft wurde das Bad mit Sauna und Whirlpool zum Spa erweitert und die Küche spielt sowieso alle Stückerln. Dass bei Zu- und Umbauten die alten Strukturen meist gut erhalten blieben, ist dem bäuerlichen Traditionsbewusstsein zu verdanken. Und so hat man als Gast auf dem Bauernhof die einzigartige Gelegenheit, in die Geschichte zu schauen, womöglich zu den eigenen Wurzeln hin – und dabei gleichzeitig auf nichts verzichten zu müssen, was Körper und Seele zur Erholung brauchen. Denn das ist ja der wahre Luxus: Zeit und Ruhe, Natur und Gesundheit. Die gibt’s nach wie vor dort, wo unsere Lebensmittel wachsen: auf dem Bauernhof.
© Markus Lackinger

Das Dach macht das Haus

Die Gestalt eines Bauernhofes wird durch die Form des Daches geprägt. So unterscheidet die bäuerliche Architektur den Einhof, den Zwiehof, den Haufenhof, den Mehrseithof sowie Haken- und Streckhöfe.

„Die Dachneigung hängt natürlich vom Klima ab“, erzählt Ing. Klaus Seelos vom Freilichtmuseum Stübing. „In Westösterreich sind größere Schneemassen zu tragen als im Osten, entsprechend steiler müssen die Dächer gebaut werden. Ungefähr ab Schladming werden die Dächer nach Osten zu flacher. Dächer sind aus volkskundlicher Sicht sowieso ein spannendes Thema. Sie waren immer auch Ausdruck für Wohlstand. Nur die wenigsten Leute konnten sich Nagelschindeldächer leisten – jeder Nagel war eine handgeschmiedete Kostbarkeit und teuer. Die meisten Bauern deckten ihre Häuser deshalb mit Stroh.“

Überhaupt, das Baumaterial. Dieses hing davon ab, was die Umgegend hergab. Stroh fürs Dach war immer und überall vorhanden. Es wärmte, hielt dicht und konnte leicht gewendet oder ausgebessert werden. Beim Haus selbst galt der Grundsatz „I nimm, was vor der Haustia liegt“, das war billig und schuf gleichzeitig freien Platz, auf den man das Haus stellen konnte. Das war im Westen das Holz, während man etwa im Waldviertel aus Stein baute und in der Steiermark den verfügbaren Lehm zu Ziegeln brannte. Innen wurden die Wände mit einem Gemisch aus Lehm und Stroh verputzt und mit Kuhmist verfugt. Das schuf wahrscheinlich nicht den besten Raumduft, aber es war warm und wasserdicht.

Innenleben

Die Raumaufteilung war eine Frage der Kultur. Weil man in Westösterreich seit jeher die Wohnräume von der Küche trennte (weshalb es da, wo gekocht wurde, in der Rauchküche, oft auch gar keine Sitzmöglichkeit gab), lebte man weiter östlich – in der Steiermark und in Niederösterreich – in einem einzigen, zentralen Raum. Das war die Rauchstube. Vor allem in der Steiermark gibt es noch viele Bauernhöfe, die im Lauf der Zeit aus so einem Rauchhaus gewachsen sind. 

„Da haben in einem Raum – der Stube – oft acht Leute gewohnt, manchmal auch mehr“, erzählt Mag. Michaela Steinböck-Köhler. Sie ist als wissenschaftliche Leiterin für den Fachbereich Kulturvermittlung im Freilichtmuseum Stübing zuständig. „Das ganze Leben hat sich in diesem einen Raum abgespielt, von der Geburt bis zum Tod. Da stand die Wiege, da lagen die Kranken, da wurden die Toten aufgebahrt, und im Winter hielt man unter der Stubenbank die Hühner.“ Wie in einem Wohnwagen konnte man die Betten – Tafelbetten – tagsüber zuklappen und als Arbeitsfläche nutzen. Im Zentrum der Rauchstube stand der offene Herd mit Backofen und Schweinefutterkessel. Wohlhabendere Bauern leisteten sich ein Pferd oder eine Kuh. Diesen Tieren wurde besonderer Schutz zuteil, was auch die Lage des Stalles beeinflusste. Tiere waren kostbar.

„Die Geschichte vom Bauern, der erfährt, dass seine Frau am Berg abgestürzt ist und der daraufhin „Gottseidank nicht die Kuh!“ ruft, ist keine bloße Anekdote“, sagt Steinböck-Köhler. „Das war schon so. Tiere waren damals einfach besonders wichtig für den Erhalt der Existenz.“

Das Freilichtmuseum Stübing bei Graz zählt zu den zehn großen zentralen Freilichtmuseen Europas. Historische Objekte aus allen Bundesländern sowie Südtirol vermitteln ein umfassendes Bild über das Leben und den Alltag der bäuerlichen Bevölkerung von einst.

Im Salzburger Freilichtmuseum in Großgmain können auf einem sieben Kilometer langen Wegenetz über hundert historische Bauten spazierend besichtigt werden.

Das Kärntner Freilichtmuseum in Maria Saal, beherbergt als ältestes Museum seiner Art in Österreich bäuerliche Haus- und Hofformen aus den verschiedensten Landesteilen Kärntens. Auch für Kärnten typische vorindustrielle Anlagen aus dem 18. und 19. Jahrhundert kann man hier sehen. 

Im niederösterreichischen Museumsdorf Niedersulz kann man ein ganzes Weinviertler Dorf um das Jahr 1900 entdecken. Dort finden sich typische Weinkeller, Presshäuser, Bauernhöfe, Bauerngärten und Handwerksbetriebe.

Elisabeth Freundlinger
freie Texterin, 31 Artikel
Alle Artikel von Elisabeth Freundlinger

Weitere Artikel