Leinöl – das flüssige Gold des Mühlviertels

Bäuerliche Tradition, 25.09.2023, Urlaub am Bauernhof Oberösterreich

Der Gemeine Lein ist die Grundlage für die Leinenherstellung und eng mit der Geschichte des Mühlviertels verwoben. Am Biohof Schafflhof wird daraus hochwertiges Leinöl hergestellt. Wie das geht, erfährst du hier!

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Blühender Gemeiner Lein ("Flachs"), im Hintergrund die Leinölpresse | © Urlaub am Bauernhof Oberösterreich / Harald Puchegger

Lein – eine vielseitige Pflanze mit 30.000-jähriger Geschichte

Am Biohof Schafflhof wird eine Pflanze angebaut, die eng verwoben mit der Geschichte des Mühlviertels ist: Lein. Der Gemeine Lein wird umgangssprachlich Flachs genannt. Die vielfältige Pflanze sicherte in früheren Zeiten vielen kleinen Bauernhöfen das Auskommen. Besonders auf den kargen Böden des Mühlviertels musste eine Pflanze schon ziemlich anspruchslos sein, um ohne künstliche Düngemittel zu gedeihen. Der Lein ist so eine Pflanze. 

Lein ist eine der ältesten Kulturpflanzen überhaupt. Und er ist die Leidenschaft von Bauer Christian. Leinöl, Leinsamen, Flachsfasern – kaum eine Pflanze ist so vielfältig nutzbar. Bereits im alten Ägypten (vor 6.000 Jahren) wurde der Gemeine Lein zur Herstellung von Flachsfasern und Leinen genutzt. Im heutigen Georgien wurden gar Textilien aus wildem Flachs gefunden, die über 30.000 Jahre alt sind. Diese Pflanzenfaser war widerstandsfähig und konnte zu Textilien aller Art verarbeitet werden. In der Bauernstube am Biohof Schafflhof zieren natürlich Tischdecken und Vorhänge aus Leinen den Raum. Die Gäste von Familie Kaineder wachen in Bettwäsche aus regional hergestelltem Leinen auf.

Mühlviertel – historisches Zentrum der Textilindustrie

Kaum vorstellbar, dass es eine Zeit gab, als Baumwolle noch nahezu unerschwinglich war. Damals wurde Kleidung vor allem aus Leinen hergestellt. Und der Ausgangsstoff dafür war Flachs. Viele Arbeitsschritte sind nötig, um aus den Stängeln des Gemeinen Leins Flachsfasern zu gewinnen. Stabil und gleichzeitig geschmeidig ist das Rohmaterial, aus dem das glänzende Garn gesponnen wird. Das Mühlviertel wurde ab dem 16. Jahrhundert ein Zentrum der Textilindustrie. Einige Leinenwebereien produzieren bis heute hochwertige Stoffe und Textilien. In Haslach an der Mühl lockt der jährliche Webermarkt. Ein Besuch lohnt sich!

Im Mühlviertel wird am Biohof Schafflhof dieses jahrtausendealte Kulturerbe weitergeführt. Die blau blühenden Leinfelder sind im Sommer eine wahre Augenweide. „Das ist wunderschön, wenn man durch die Landschaft fährt und blau blühende Felder sieht“, schwärmt Christian. In den Dolden, den Blütenkapseln, reifen die Leinsamen heran. Sie sind aus der gesunden Küche kaum wegzudenken. Mit ihrem hohen Anteil an Ballaststoffen sind Leinsamen ein wahres Superfood. In Müslis, Brotteig oder Vollkornweckerl – die quellfähigen, braunen Samen bringen den Darm in Schwung! 

Der Gemeine Lein (Linum usitatissimum) - die vielfältige Pflanze sicherte in früheren Zeiten vielen kleinen Bauernhöfen im Mühlviertel das Auskommen. 

Flachs ernten – Kindheitserinnerungen von Opa Hans

Opa Hans kann sich noch gut an die Zeit erinnern, als der Flachs am Hof in Handarbeit geerntet und verarbeitet wurde. Gesellig waren diese Zeiten und von harter, gemeinschaftlicher Arbeit geprägt. Zuerst wurde die Pflanze samt Wurzeln ausgerissen und gebündelt. „Flachs raufen“ oder „Flachs fangen“ sagte man dazu. Abends setzte sich die Bauersfamilie mit Knechten und Mägden zusammen, um die Flachsbündel über einen Riffel, eine Art groben Kamm, zu scheren und so die Samenkapseln von den Stängeln zu trennen. Die Kapseln mit den enthaltenen Leinsamen wurden in der Sonne getrocknet und mit dem Dreschflegel ausgedroschen. Mithilfe einer „Windfege“ oder „Staubmühle“ wurden die Leinsamen gereinigt. 

Die Flachsbündel wiederum wurden nach dem Riffeln auf dem Feld ausgebreitet und für ca. 2 Wochen zum Rösten liegen gelassen. Mit „Rösten“ ist in diesem Fall ein Fäulnisprozess gemeint, der notwendig ist, damit sich die Flachsfasern später vom Stängel lösen. Im Anschluss wurden die Flachsbündel getrocknet. Dies geschah oft über offenem Feuer in kleinen Häusern, den „Haarstuben“. In den Wintermonaten wurden die Stängel „gebrechelt“. Mit dem Flachsbrechel wurde der harte Holzkern, der sich im Inneren des Faserbündels befindet, aufgebrochen. Die harten Anteile des Stängels fallen dabei zu Boden und die Flachsfaser bleibt übrig. Mithilfe einer Flachsschwinge wurden die kurzen Fasern von den wertvolleren, längeren getrennt. Letztere wurden dann geschmeidig gekämmt („gehechelt“) und zu einem Flachszopf geflochten. Nun erst waren die Fasern zum Spinnen bereit.

Weißt du, was eine Haarstube ist?

Haarstuben sind im ländlichen Oberösterreich weit verbreitet. In den kleinen, einfachen Gebäuden wurde früher Flachs verarbeitet. Der Flachs musste über einem offenen Feuer getrocknet werden. Um die Bauernhöfe keiner Brandgefahr auszusetzen, wurden eigene Häuser dafür errichtet – die Haarstuben. 

Leinöl – das flüssige Gold des Mühlviertels

Die Ernte verläuft im Jahr 2023 natürlich anders. Mitte August sind die Leinsamen in den Samenkapseln reif. Dann kommt ein spezieller Mähdrescher zum Einsatz. Genau wie früher wird die Leinkapsel von der Flachsfaser, also den Stängeln, getrennt. Die Samen werden luftgetrocknet und das Flachsstroh wird zu Rundballen gewickelt.

Aus den Leinsamen wird das wertvolle Leinöl gepresst. Was Olivenöl für den mediterranen Raum, das war das Leinöl für das Mühlviertel: so kostbar wie Gold. Die Ernährungswissenschaft weiß heute um die einzigartigen Inhaltsstoffe. Kein anderes Pflanzenöl enthält einen so hohen Anteil an Omega-3-Fettsäuren, genauer gesagt an Alpha-Linolensäure. Es wirkt entzündungshemmend, blutdrucksenkend und beugt Herz-Kreislauf-Erkrankungen vor. Der fein nussige Geschmack von Leinöl passt hervorragend zu Erdäpfelgerichten, Müslis, Salaten oder Aufstrichen.

Am Biohof Schafflhof wird das Leinöl in der hauseigenen Ölpresse selbst gepresst und abgefüllt. Je niedriger die Temperatur beim Pressen, desto höher die Qualität. „Unsere Presse hat schon fast 40 Jahre auf dem Buckel“, erzählt Opa Hans. Aber sie funktioniert noch immer einwandfrei. Einfach eine Schaufel voll Leinsamen in den Edelstahltrichter geben, Maschine an und im Nu werden die Samen zu Öl gepresst. Da fließt es, das Bio-Leinöl. Direkt nach dem Pressen ist es noch trüb. Nach 2-3 Tagen setzt sich der sogenannte Trub, Trübstoffe vom Gären und von der Schale, ab. Erst dann hat das Leinöl die typisch goldene Farbe. Der Presskuchen, der bei der Leinölgewinnung zurückbleibt, ist hochwertiges Tierfutter. Er dient als hofeigener Eiweißlieferant für die Kühe vom Biohof Schafflhof.

Im Hofladen und in Geschäften der Region kann das flüssige Gold erworben werden. Bei einem Urlaub am Bauernhof kannst du diese Köstlichkeit natürlich direkt probieren. Wie wär’s mit traditionellen Mühlviertler Leinölerdäpfeln? Bäuerin Renate und Oma Gusti zeigen ihren Gästen, wie dieses typische Gericht zubereitet wird. Eine Handvoll hochwertiger Zutaten reichen aus!

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