Sanfte Reise zum Ich

Nachhaltigkeit, 12.01.2021, Maria Kapeller

Sehnsucht nach der Leichtigkeit des Lebens: Slow Travel ist die Kunst, langsam und bewusst zu reisen. Auch, um bei sich selbst anzukommen.

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Slow Travel

Der achtsame Reiseweg beginnt schon bei der Anreise: Egal, ob diese drei Stunden dauert oder einen ganzen Tag - das genüssliche Hinbewegen hat das Potenzial, eine Art Übergang vom hektischen Alltag in eine entspannende Zeit einzuläuten. Geist und Seele nehmen wahr, dass das Leben jetzt für eine Weile stiller wird: eine Fahrt mit dem Nachtzug, ein Stapel Bücher am Tisch, das leise Ruckeln auf den Gleisen, der Blick aus dem Fenster, der Rest der Welt gleitet klanglos vorbei. Es ist, als würden die letzten Hindernisse abgestreift, um sich gedanklich von den Herausforderungen des Lebens freizumachen.

Den Alltag hinter sich lassen

Mit jedem Kilometer sinkt das Stresslevel, Abstand kommt auf. Am Urlaubsort angekommen, ist die eigene Wahrnehmung bereits auf das Spüren und behutsame Empfinden eingestellt, auf das Loslassen, Sich-Treiben-Lassen, auf sich Wirken-Lassen. Was war, liegt hinter einem. Was sein wird, bestimmen nicht mehr die üblichen, von Leistung getriebenen Gedankenmuster. Herz und Seele atmen kräftig durch. Sie entfalten sich auf erholsame Weise und kommen wieder mehr miteinander in Einklang. Die Wissenschaft bestätigt: Damit Urlaub glücklich macht, muss er Erholung bieten. „Die wichtigsten Faktoren für einen zufriedenstellenden Urlaub sind Entspannung und die Möglichkeit, den Alltag hinter sich zu lassen“, hält der Psychologe Gerhard Blasche in seinem Buch „Erholung 4.0“ fest.

Sich selbst und anderen begegnen

Was fördert die Erholung noch? Unbeschwert auf die eigenen Bedürfnisse zu achten, so der Gesundheitspsychologe. Wer seine Zeit im Urlaub selbstbestimmt gestalten könne, sei zufriedener. Auch Zeit mit den Liebsten zu verbringen, sei sehr nährend. Es schenke ein Gefühl von Zugehörigkeit und Geborgenheit. Die Kraft, das Herz zu weiten, haben auch unverhoffte Begegnungen. Etwa mit Einheimischen, die einen willkommen heißen und das Gefühl vermitteln, nicht nur als Gast, sondern auch als Mensch angenommen zu sein. Wer sich im Urlaub von Telefon, Uhr und einem straffen Zeitplan löst, öffnet solchen Erlebnissen die Tür. Sie lassen im Inneren etwas gedeihen: Das Gefühl, auch wirklich da gewesen, Teil von etwas gewesen zu sein.

Mit der Natur eins sein

Ein Erholungsraum, der nichts nimmt, aber viel gibt, ist die Natur. Einen herbstlichen Laubwald durchstreifen, in der Morgensonne im See schwimmen oder bei Vollmond durch den Schnee stapfen: Die sanften Formen und Farben erden den Geist. Die Natur beurteilt nicht, sie nimmt an. Ähnlich heilsam wie ein Aufenthalt im Wald oder in den Bergen ist intensives Gehen. Das zeigt eine Studie der Universität Innsbruck, bei der Pilgerwanderer befragt wurden. Durch die Monotonie und das Im-Moment-Sein beim Gehen stellt sich ein neuer Denkmodus ein, der mehr Raum und Ruhe für die Verarbeitung von Erfahrungen zulässt. „Gehen ist des Menschen beste Medizin“, wusste schon der griechische Arzt Hippokrates von Kos.

Auf Umwegen bei sich ankommen

Sich im Urlaub ausreichend Zeit zu nehmen, schenkt die kostbare Erfahrung, falsch abzubiegen und Umwege zu machen. Das bugsiert aus der Komfortzone und lässt erleben, dass auch im Leben nicht immer alles nach Plan läuft. Steine am Weg sind eine Art Hürde, an der man wachsen oder scheitern kann – aber in jedem Fall lernen. Slow Travel spielt sich fernab von Animation und inszenierter Ablenkung ab. Es geht ums eigene Tun, um ein persönliches Wagnis: Sich in die Einfachheit des Daseins zurückzuziehen, kann innere Energiequellen entfachen. Dieses behutsame, vom zeitlichen Korsett herausgelöste Herantasten ist eine Suche, ein Beschreiten neuer Realitäten und Optionen. Es birgt die Chance auf Selbsterkenntnis und damit auch darauf, ein Stück weit klarer und gelassener zu werden. Oder, wie es der Lyriker Christian Morgenstern formulierte: „Alle Weisheit ist langsam.“

Maria Kapeller
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