Es ist kurz nach sieben Uhr morgens auf einer Alm im Riedingtal im Salzburger Lungau. Die Luft ist klar, fast dünn, und riecht nach feuchtem Gras und wilden Kräutern. Was für Touristen Idylle pur ist, ist für Universitätsprofessor Dr. Arnulf Hartl von der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität (PMU) in Salzburg hochwirksame Medizin. In mehreren klinischen Studien hat sein Team nachgewiesen, dass der Aufenthalt auf der Alm weit mehr ist als nur eine nette Auszeit.

Für Hartl fungiert die Alm längst als eine Art „Reset-Knopf“ für unser durch urbane Einflüsse fehlgesteuertes Immunsystem.

Training fürs Immunsystem

Eines der spannendsten Forschungsfelder ist das sogenannte „Alm-Mikrobiom“. Während Stadtbewohner in einer oft zu sterilen Umgebung leben, bietet die Alm eine immense Biodiversität an Mikroorganismen. Der Kontakt mit der spezifischen Bakterien- und Pilzwelt trainiert unser Immunsystem. Studien deuten darauf hin, dass dieser „Mikroben-Austausch“ entzündungshemmend wirkt.

Forscher untersuchten im Projekt „Alm und Gesundheit“ gezielt, wie Stadtmenschen von dieser mikrobiellen Vielfalt profitieren. So konnte u. a. nachgewiesen werden, dass sich diese Vielfalt auf der Haut und teilweise in den Atemwegen von Besuchern bereits nach kurzer Zeit signifikant erhöht. In klinischen Versuchen wurde auch nachgewiesen, dass der Kontakt mit Stall- und Almstaub die Produktion von regulatorischen T-Zellen (Tregs) anregt. Diese Zellen sind die „Polizei“ des Immunsystems und verhindern Überreaktionen, also Allergien.

Wissenschaftliche Quantifizierungen belegen unter anderem, dass Kinder, die auf traditionellen Bauernhöfen oder Almen aufwachsen, ein um bis zu 50–70 % geringeres Risiko für Asthma und Heuschnupfen haben (der sogenannte „Bauernhof-Effekt“). Deshalb weist Viktor Hartl immer wieder nachdrücklich darauf hin, dass die Bewirtschaftung mit Tieren (Kühe, Schafe, Ziegen) entscheidend für die hohe mikrobielle Dichte ist: „Werden Almen aufgelassen und die Tiere verschwinden, geht dieser spezifische gesundheitsfördernde Aspekt verloren. Das Tier-Mikrobiom ist ein integraler Bestandteil der „Alm-Medizin“, erklärt der Mediziner und Forscher.

Wie der Rückenschmerz verschwindet

Auch chronische Leiden wie Rückenschmerzen können auf der Alm erfolgreich bekämpft werden. In der Untersuchung der PMU Salzburg wurde gezeigt, dass eine Woche gezieltes Bergwandern chronische Rückenschmerzen nachhaltig lindern kann. Der Grund ist ein doppelter: Das exzentrische Training beim Bergabgehen stärkt die Stützmuskulatur massiv, während die psychische Entlastung in der Natur die Schmerzwahrnehmung senkt. 20 Minuten im Wald oder auf der Almwiese reichen aus, um den Cortisolspiegel (unser Stresshormon) messbar zu senken.

 

„Wohltäter“ für Herz und Kreislauf

Ein weiteres, konkretes Beispiel für den Erfolg wissenschaftlich begleiteter Almerfahrung ist die bekannte AMAS-Studie (Austrian Moderate Altitude Study). Sie belegte, dass ein Aufenthalt in einer moderaten Höhe zwischen 1.500 und 2.500 Metern – der typischen Lage vieler österreichischer Almen – wahre Wunder für das Herz-Kreislauf-System bewirkt. Der leichte Sauerstoffmangel in der Höhe zwingt den Körper, effizienter zu arbeiten.

So wurde bei Probanden mit leichtem Bluthochdruck eine Senkung des systolischen Werts um durchschnittlich 5 bis 10 mmHg gemessen. In der Studie war der Effekt so deutlich, dass einige Teilnehmer unter ärztlicher Aufsicht ihre blutdrucksenkenden Medikamente reduzieren oder sogar ganz absetzen konnten. Auch der Ruhepuls sank nach der Akklimatisation messbar, was auf eine effizientere Arbeit des Herzmuskels hindeutet. Der Nüchternblutzucker verringerte sich in der Höhenlage um durchschnittlich 10 bis 15 %, die Cholesterinwerte verbesserten sich signifikant. Auch die Zahl der jungen, frisch gebildeten roten Blutkörperchen (Retikulozyten) erhöhte sich um 32 %. Diese jungen Zellen sind besonders flexibel und können Sauerstoff effektiver transportieren. So kehrten viele Patienten mit metabolischem Syndrom oder Bluthochdruck nach einem dreiwöchigen Almaufenthalt mit signifikant besseren Blutwerten zurück. Ein Effekt, der dann oft über Monate anhielt.

Eine junge Frau sitzt in nachdenklicher Haltung an der hölzernen Fassade einer Hütte, umgeben von grüner Natur.

Gegen Stress und Depressionen

Während es spezifische "Alm-Studien" zur psychischen Gesundheit weniger gibt als zum Immunsystem, ist die breitere Forschung zur Wirkung von Natur und Bewegung auf das Wohlbefinden hochrelevant: Viele Studien aus der Umweltpsychologie und Gesundheitsforschung belegen die positiven Effekte von Aufenthalten in der Natur (z.B. "Waldbaden" oder "Green Exercise") auf Stressreduktion, Angstzustände und Depressionen.

Diese Ergebnisse sind direkt auf Almaufenthalte übertragbar, da Almen oft unberührte Naturräume sind, die zu Bewegung und Entspannung einladen. Universitäten mit sportwissenschaftlichen Instituten (z.B. Universität Innsbruck, Universität Salzburg) forschen ebenfalls zu den Auswirkungen von Bergsport auf die körperliche und mentale Gesundheit.

Die Kraft der Elemente

Bei einer herbstlichen Wanderung entlang des sogenannten „Weges der Elemente“ inmitten des Kärntner Biosphärenparks Nockberge verdeutlicht der Arzt Dr. Wolfgang Hofmeister die Bedeutung einer ganzheitlichen und naturbezogenen Gesundheitsvorsorge: „Sie unterstützt dabei die Selbstheilungskräfte zu mobilisieren und hilft immer wieder Wohl­befinden zu erlangen.“ Ähnlich wie die Traditionelle Chinesische Medizin beruht auch die Traditionelle Europäische Medizin auf der sogenannten Elemente-Lehre und orientiert sich an den Prinzipien Ganzheitlichkeit, Universalität und Individualität. Die Naturphilosophen der Antike verfügten (noch) über Zeit und Stille, um fundamentale Naturbeobachtungen zu erfahren: Schon für sie war damals klar, dass die kleine Welt in uns unweigerlich mit der großen Welt um uns zusammenhängt.

„Beim Betrachten von Wasser, Wind, Feuer und Landschaft können wir stundenlang still sein, ohne an etwas zu denken, versunken in die unermessliche Kraft der Elemente. Die Natur ist einfach da.“, betont Hofmeister, der aus der Beobachtung von Naturereignissen Rückschlüsse auf den menschlichen Organismus zieht und Parallelen für eine ideale Gesundheitsvorsorge herstellt. 

Zurück ins Gleichgewicht

Das menschliche Wohlbefinden fungiert wie eine Kugel, die sich auf den drei Säulen Ernährung, Bewegung und Bewusstsein bewegt und durch minimalste innere oder äußere Veränderungen stets neu ins Rollen gebracht wird. Auch wenn das Ernährungs-, Bewegungs- und Bewusstseinsverhalten stimmt und die drei Säulen stabil sind, können äußere Einflüsse die Kugel zum Absturz bringen.

Emotionen und Informationen beeinflussen unser Wohlbefinden und das Immunsystem und bringen den Menschen oft rasch aus ­seinem Gleichgewicht“, so Hofmeister. Ein bewusster Umgang mit Informationen ist gerade in Zeiten wie diesen wichtiger denn je.

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Zwei Personen genießen Kaffee und Lektüre auf einer hölzernen Terrasse inmitten einer grünen Umgebung. | © Urlaub am Bauernhof Steiermark / Daniel Gollner

Entdeckung der Langsamkeit

Eine weitere Begleiterscheinung unserer Zeit ist das rasante Tempo, das unseren Lebens- und Arbeitsrhythmus zunehmend prägt. Durch zu schnelle Bewegung schummeln wir uns über unser fehlendes inneres Gleichgewicht.

„Um die Balance zu finden, ist es wichtig, sehr langsame Schritte zu setzen, auch im Alltag. Langsame, konzentrierte Bewegung korrigiert zudem muskuläre Dysbalancen, beseitigt Gelenkschmerzen und verhindert Gelenkabnützung Die langsame Ausführung einer Bewegung bringt uns schnell von der Belastung des Alltags weg zur Aufmerksamkeit auf das Wesentliche – der Atem unterstützt uns dabei“, erklärt Hofmeister.

Eine malerische ländliche Landschaft mit Berghütten, umgeben von Nadelwäldern, einer Wiese und Sonnenlicht, das die Szene erleuchtet. | © Urlaub am Bauernhof Kärnten / Daniel Gollner

Kraft der Selbstheilung

Als Arzt hat Hofmeister zwar häufig den richtigen Schlüssel zum Öffnen der Schatzkammer der Selbstheilungskräfte seiner Patienten in der Hand.

„Wie und ob dieser Schlüssel passt, entscheidet aber der Patient. Gegenseitiges Vertrauen ist das Um und Auf. Denn Selbstheilung ist eine individuelle Sache und keine Massenware. Das herauszufinden ist ein Geschick.“

Einen direkten Rechtsanspruch auf einen „Almurlaub“ gibt es in Österreich freilich noch nicht. Doch die ersten Weichen sind aber längst gestellt. Die Österreichische Gesundheitskasse (ÖGK) übernimmt bereits Kur- und Erholungsaufenthalte in zertifizierten Zentren, wenn diese medizinisch begründet sind. „Gesunde Ernährung und Bewegung in heiler Natur können – wissenschaftlich nachgewiesen - 50 Prozent der Zivilisationskrankheiten reduzieren“, sagt Dr. Georg Lexer. Der Chirurg war in mehreren Krankanstalten ärztlicher Leiter und setzt sich seit Jahrzehnten für präventive Medizin ein. Als begeisterter Wanderer und Naturliebhaber lebt er nun im Kärntner Lesachtal und führt mit seiner Frau Andrea einen Biobauernhof. Er ist Verfechter eines gesundheitsfördernden Lebensstils zur Vermeidung von Krankheiten. Lexer: „Österreich hat ein großartiges Gesundheitssystem und ich glaube an die Schulmedizin. Leider leben wir aber in einer Krankheitswirtschaft. Wir brauchen deshalb auch eine additive, also komplementäre Medizin. Es geht schlicht und einfach um das Zulassen einer Ordination meiner Kollegen Dr. Wald, Dr. Wiese, Dr. Wasser und Dr. Alm“, lächelt Lexer und nimmt seine Gäste in diese natürliche Ordination vor seiner Haustüre mit.  

Mit Projekten wie „Auf die Alm per Krankenschein“ im Salzburger Lungau wird derzeit bereits intensiv daran gearbeitet, Almhütten als offizielle Orte der Gesundheitsvorsorge zu positionieren. Die Vision: Der Arzt verschreibt nicht nur Pillen, sondern eine Woche auf der Alm – inklusive Kräuterkunde, Bergwandern und Mikrobiom-Training.

Bis es so weit ist, bleibt die Alm die wohl schönste „Privat-Apotheke“ der Welt. Wissenschaftlich bestätigt ist sie bereits: Jeder Atemzug über 1.500 Metern ist eine garantierte Investition in ein längeres Leben.

 

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Michael Sabath

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